Aus der Wachstumsspirale ausbrechen

Das wunderbare Buch „Die Kultur der Reparatur“, das ich in meinem Blog zusammengefasst habe, neigt sich langsam dem Ende zu. Im letzten großen Kapitel setzt sich der Autor Wolfgang E. Heckl mit den Auswegen aus der Wachstumsspirale unserer Gesellschaft und Volkswirtschaften auseinander.

Seine These: Um aus der Wachstumsspirale auszubrechen, müssen wir aufbrechen, und zwar in die Reparaturgesellschaft.

imageVor über 25 Jahren erschien von der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Brundtland-Bericht zur nachhaltigen Entwicklung. Heckl zitiert aus diesem Bericht: „Voraussetzung für nachhaltiges Handeln ist jedoch auch soziale Gerechtigkeit, denn von Menschen, die Armut und Unterernährung ausgesetzt sind, können nicht dieselben Beiträge zu einer Zukunftsgesellschaft verlangt werden, wie vom gesättigten Westen, dessen Lebensstil angesichts der Begrenztheit der Erde sowieso nicht auf eine wachsende Erdbevölkerung übertragen werden kann. Trotzdem müssen wir Regelungsmechanismen finden, die uns umdenken helfen. Dazu gehörten Marktkräfte genauso wie moralische Aspekte, wie emotionales Marketing und, ganz wichtig, neue Technologien.“ An dieser Stelle möchte ich auf meine Ausführungen in Die großen Hebel für kleine ökologische Fußabdrücke hinweisen – und auf die weiterführenden Kommentare und Diskussion, die sich auf diese Themen hin entwickelt haben. Mich beschäftigt dieses Thema nach wie vor sehr. Ich habe – auch in Heckls Buch – immer noch keine abschließende Antwort auf die Frage gefunden, wie ein Umwelt- und Nachhaltigkeitsbewusstsein bei den Menschen entstehen kann, die sich auf der Bedürfnispyramide von Maslow ganz unten befinden.

Der Bericht ist zwar schon älter, aber vor dem Hintergrund der rasanten Entwicklung einer Konsum- und Wegwerfgesellschaft bei explodierendem Bevölkerungswachstum und gleichzeitig knapper werdenden Ressourcenlage immer noch aktuell. Der Weg zurück zu einer Kultur der Reparatur könnte eine hilfreiche Antwort auf diese Herausforderungen sein. Reparierbarkeit müsste dann zu einer Marktkraft werden und Unternehmen Wettbewerbsvorteile verschaffen. Die Kraft des Marktes bestimmen wir als Konsumenten meiner Meinung nach maßgeblich selber – denn der Markt bildet sich um unsere Nachfrage herum. Heckl schreibt weiterhin, dass ein „Design for Repair“, bei dem die Reparaturfähigkeit eines Produkts wieder wichtig wird, genauso sinnvoll wäre wie eine Preispolitik, die den wahren Wert des Produkts widerspiegeln würde (s. auch meinen Beitrag Unser tägliches Zeug gib‘ uns heute). Der Preis müsste die wahren Kosten beinhalten: den gesamten Ressourcen- und Energieverbrauch, aber auch die Reparatur- und Recyclingkosten, gerechnet auf die Lebensdauer des Produkts (zu diesem Thema lohnt sich das Video aus The story of stuff). Aus Sicht des Autors müsste dies langsam und schrittweise geschehen, denn viele Produkte würden bei so einer Preisbildung unbezahlbar. Als Beispiel wird das Steak genannt: würde man die zur Herstellung nötigen Rohstoffe wie Wasser, Mineralien, Energie und Transportkosten alle konsequent mit einberechnen, wäre der Verkaufspreis viel, viel höher.

PreisschildEin weiterer wichtiger Punkt ist die Weiterentwicklung der Technologie. „Um eines werden wir nicht herumkommen: Wir brauchen die Technologien zur Reparatur, zum Recyceln sowie zum Ausnutzen, Speichern und Verteilen der erneuerbaren Technologien.“ Wie wird es in einem halben Jahrhundert möglich sein, Flugreisen anzutreten? Das Kerosin könnte dann unerschwinglich sein. Heutige Batterien – die besten ihrer Art – sind um Faktor 100 von dem entfernt, was benötigt wurde, um ein Objekt auf der Erde von A nach B zu bringen. Dabei ist noch nicht einmal einberechnet, was es zusätzlich an Energie bräuchte, um die dritte Dimension des Fluges zu gewährleisten, nämlich die Schwerkraft zu überwinden. Neue Mobilitätslösungen und Konzepte sind gefragt!

Aber wie könnten Unternehmen, die global Ressourcen abbauen und verarbeiten zur nachhaltigen Produktion animiert werden? Da gibt es wohl viele Faktoren. Einer davon ist, dass wir als Verbraucher smarter werden. Das Wort „smart“ wird zwar inflationär verwendet, aber Heckl meint damit: „Immer häufiger ist von smarten Geräten die Rede. Telefone nennt man Smartphones, aber es gibt auch Smart Cabrios. Ich ziehe smarte Menschen jedoch smarten Produkten vor oder besser: Smarte Menschen sollten wirklich smarte Produkte herstellen und benutzen, und nicht solche, denen nur das Etikett anhaftet. Eine unüberschaubare Vielzahl von Geräten herzustellen, bei denen wir Konsumenten nicht mehr zwingend zwischen dem, was wichtig, und dem, was unwichtig ist, unterscheiden können ist keine gute Entwicklung.“

kid-smart-lightbulb-brain-600x338Wenn ich das richtig verstehe, geht es auch darum, dass wir uns als Verbraucher bei jedem Ding, das wir in die Hand nehmen, fragen: brauche ich das wirklich? Warum brauche ich es? Kann ich den Bedarf auch anders decken, beispielsweise ohne zusätzliche Ressourcen zu verbrauchen? Mit Existierendem? Aufgehübschtem, Upcyceltem? Mit Verändertem und Angepasstem? Was ich da gerade gelesen habe impliziert einen Menschen, der zwischen den „wirklich smarten“ und den „nur smart genannten“ Produkten unterscheiden kann. Einen Menschen, der informiert und interessiert ist. Der nicht nur nachhaltig denkt, sondern auch bereit ist, danach zu handeln.

Ich schätze den Prozentsatz solcher Menschen in den Wohlstandsgesellschaften als recht niedrig ein. Global gesehen erst recht. Um diesen zu steigern, muss noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden. Handlung, Aktion ist nötig, damit das Bewusstsein wächst und in Bewegung kommt. Jetzt können wir noch agieren. Wenn der Leidensdruck erst einmal so hoch ist, dass wir nur noch reagieren können, wird es vielleicht zu spät sein, das Wort „Nachhaltigkeit“ endlich bis zum Rand mit Inhalt zu füllen.

Der nächster Beitrag des letzten Kapitels: „Taste the waste“ kommt demnächst!

Dies könnte Dich auch interessieren:

Zum Buch „Die Kultur der Reparatur“ von Wolfgang M. Heckl schrieb ich bisher folgende Beiträge:
Die Kultur der Reparatur – Einführung
Arbeitsteilige Fertigung vs. Ganzheitlichkeit
Geplante Obsoleszenz – eingebaute Schwachstellen in Geräten
Die großen Hebel für kleine ökologische Fußabdrücke
Irreparables Design – muss das sein?
The world in our hands
9 Schritte zum erfolgreichen Reparieren
Der Lohn der Reparatur

 

The world in our hands

Meine Serie des Buches „Die Kultur der Reparatur“ von Wolfgang M. Heckl geht weiter! Diesmal: „The world in your hands: Packen wir’s an!“. Es ist das vierte Kapitel dieses bemerkenswerten Buchs, über das ich bereits mehrere Beiträge schrieb.

World in your handsDie Protagonisten der neuen Bewegung der Reparatur sind nicht nur ältere Reparaturfreaks. Das zeigt sich am Retro-Trend, beispielsweise bei der Rückbesinnung auf die Klangqualität von Vinylplatten. Es zeigt sich aber auch an den Youtube-Tutorials, das sind Videos, die aufzeigen, wie man jedes erdenkliche Gerät, Kleidungsstück oder sonstiges Ding reparieren kann. Auch das Entstehen von Repair Cafés oder die Bewegung der „Shared Economy“, bei der das Prinzip des Teilens im Vordergrund steht, sind die sichtbaren Vorboten dieser Bewegung. Nicht mehr Eigentümer zu sein, sondern Besitzer für eine gewisse Zeit, wird attraktiver. Beispiel Car Sharing, Couchsurfing, Tauschbörsen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIm Unterkapitel „Achtsamkeit und andere Soft Skills der Reparatur“ hat mir vor allem der einleitende Satz gefallen: „Die Kultur der Reparatur basiert auf Kenntnissen, auf Können, auf analytischem Denken, aber auch auf Lebensklugheit, auf Wertschätzung und, vor allem, Achtsamkeit.“ Achtsam ist, wer Geräte wartet und pflegt, beispielsweise Waschmaschinen. Mit einer sorgfältigen Entkalkung bleiben sie länger einsatzfähig und brauchen ganz nebenbei auch weniger Strom. Wenn die Heizstäbe verkalkt sind, benötigen sie mehr Energie, um auf die Temperatur zu kommen, die für den Waschgang eingestellt wurde. Bei Flugzeugen erfolgt die Wartung zur Prävention von Schaden, schließlich geht es bei fehlender Achtsamkeit um Leben und Tod. Heckl schreibt dazu: „Sorgfältige Untersuchungs- und Reparaturpläne in regelmäßigen Wartungszyklen sind also ein kluges Prinzip, um Schlimmstes zu verhindern, um das Risiko eines Schadens so weit wie irgend möglich zu reduzieren.“

Achtsamkeit2kl.Wer etwas von A bis Z ausführen kann, ist den Dingen weniger entfremdet, was unsere Autonomie und das Selbstvertrauen stärkt. Die Mechanik wird jedoch immer stärker von Sensorik verdrängt, die die Dinge für uns erledigt: vor allem die berührungslosen Dinge wie Wasserhähne mit Sensoren, Seifenspender, Handtrockner, Türen, Ampeln. Klar, das mag hygienischer sein, aber auch ich finde es viel schöner, wenn ich bei einer Handtuchrollen-Maschine so viel Handtuch herausziehen kann, wie ich selber meine zu brauchen. Ein Sensor gibt kein Feedback wie es ein Knopf tut. Aktion und Reaktion sind nicht spürbar. Auch ich gehöre noch zu den Menschen, denen das „Klick“-Geräusch gefällt. Ich mag mich nicht zu sehr von Sensoren bevormunden lassen.

AmpelmännchenWarum hat der iPad so einen riesigen Erfolg? Weil man wischen und rütteln, drehen und tasten, zoomen und tippen, greifen und scrollen kann. Genau genommen ist bei den iPads die Mechanik nur vorgetäuscht, denn „die mechanische Bewegung der Finger wird ja über elektrosensorische Elemente aufgenommen und löst nicht mehr die […] mechanischen Antworten aus. Aber die Wirkung erscheint natürlich.“ Und weiter: „Die Entwicklung unserer Hände zu komplexen Tast- und Greifwerkzeugen war eine wesentliche Voraussetzung für die Menschwerdung.“

Neben der Entfremdung von Dingen und der Bevormundung durch Sensorik gibt es laut Heckl noch einen dritten Aspekt, der beim Verzicht auf die Mechanik eintritt: den Verlust der unmittelbaren Erfahrung. Denn das Erschaffen von etwas setzt einen in direkte Beziehung dazu. Das gilt seiner Meinung nach nicht nur für das Reparieren, sondern auch für das Gärtnern, die Bearbeitung von Holz, von Textilien usw. Man könnte sich fragen, warum es so wichtig ist, etwas von A bis Z zu verstehen. Die Antwort: Um das umfassende Verständnis für Stoffkreisläufe zurückzugewinnen.

StoffkreislaufUnser Wohlstand wäre ohne technischen Fortschritt viel geringer. Wir würden heute noch schwerste körperliche Arbeit verrichten. Wir könnten uns ohne die Errungenschaften der digitalen Welt niemals weltumspannend vernetzen. „Dennoch ist das Handwerk durch nichts zu ersetzen: weil es an der Basis steht und sich elementarer Lebensbedürfnisse annimmt. Darüber hinaus bildet es eine unabdingbare Voraussetzung zur Weiterentwicklung und Anwendung von Naturerkenntnis. Dazu gehören nicht nur die physikalischen Grundprinzipien von Arbeit, Leistung, Energieumwandlung und -erhaltung, die ja bei jeder Maschine eine entscheidende Rolle spielen. […] Zum Handwerk gehört selbstverständlich auch die Auseinandersetzung mit Materialien, ihren physikalischen und chemischen Eigenschaften.“ Ein wahrhaft überzeugendes Plädoyer für das Handwerk, denke ich, während ich diese Sätze lese.

Ein abschließender kluger Gedanke dazu, wie sehr uns die Reparatur ganzheitlich fordert: Das Beispiel des Motorrads. Wenn es nicht anspringt, hören die Ohren, was nicht rund klingt oder die Nase riecht, wenn etwas am Auspuff nicht stimmt, die Augen analysieren, wo der Fehler liegen könnte, der Tastsinn wird für die Reparatur eingesetzt.

5 Sinne mit RahmenIn meinem nächsten Beitrag wird es praktischer: die neun Aktionspunkte von Heckl auf der „Road to Repairing – Step by Step“.

Dies könnte Dich auch interessieren:

Zum Buch „Die Kultur der Reparatur“ von Wolfgang M. Heckl schrieb ich bisher folgende Beiträge:
Die Kultur der Reparatur – Einführung
Arbeitsteilige Fertigung vs. Ganzheitlichkeit
Geplante Obsoleszenz – eingebaute Schwachstellen in Geräten
Die großen Hebel für kleine ökologische Fußabdrücke
Irreparables Design – muss das sein?

Irreparables Design – muss das sein?

Design und Reparierbarkeit müssen nicht unvereinbar sein. Das beweisen ältere Geräte „made for a lifetime and made to last“. Wie übrigens auch Beziehungen, die lange halten!Fix broken thingsUnd doch stehen Design und Reparierbarkeit allzu häufig auf Kriegsfuss und schmieren das Getriebe der Wegwerfgesellschaft. In meinem heutigen Beitrag zum Buch „Die Kultur der Reparatur“ von Wolfgang E. Heckl, geht es um weitere Hindernisse auf dem Weg zu einem achtsameren Umgang mit den Dingen, die uns täglich umgeben. Beispiel elektrische Zahnbürste. Wer so ein Gerät hat, kennt die Situation: der Akku lässt sich nicht mehr aufladen. Unser reparaturerprobte Autor dachte sich: „Wunderbar, da brauche ich das Gerät einfach nur aufzuschrauben, um an den Akku zu gelangen.“ Weit gefehlt! Er hätte die Zahnbürste mit einer elektrischen Säge zersägen müssen, um an den Akku zu kommen. Ein Anruf beim Kundendienst bestätigte: man kann nur die ganze Zahnbürste umtauschen, nicht aber den Akku. Warum sich da nicht mehr Menschen wehren würden, fragte er sich: „Vor meinem geistigen Auge lief eine Demonstration ab, auf der Tausende wild mit ihren Zahnbürsten herumfuchtelnd durch die Innenstadt zogen. In Wirklichkeit haben wir uns alle schon viel zu sehr daran gewöhnt, dass die Lebenszyklen von Produkten kurz sind“, schreibt Heckl. Recht hat er! Und überhaupt… Täglich im Fernsehen sehen wir, dass Demos nur rund um die wirklich wichtigen, umwälzenden Themen geschehen – gegen diktatorische Zustände, Linksregierungen oder Fundamentalismus in der Politik, für Demokratie, Frauen- oder Homosexuellenrechte oder gegen Internet-Zensur. Zugegeben, mit einer elektrischen Zahnbürste (die ich ohnehin nicht besitze) fuchtelnd zu demonstrieren käme ich mir schon etwas lächerlich vor, aber die Bewegung gegen nicht reparierbares Design dürfte sich ruhig deutlicher manifestieren, als sie es jetzt tut!

Immerhin: es gibt Tüftler, die kriegen den Akkuwechsel hin, aber ein „benutzerfreundlicher Austausch der Akkus“ ist das nicht, zu sehen im Youtube: Tutorial zum Wechsel von Akkus.

Ähnliche Schwierigkeiten wie bei der Zahnbürste ortet Heckl auch bei Tintenstrahldruckern (oh ja!), Staubsaugern oder Autoscheinwerfern, bei denen man keine Glühbirne mehr selbst auswechseln kann. In meinem Beitrag „Nein, ich will meinen Staubsauger nicht wegwerfen“, Teil I und Teil II geht es genau um dieses Phänomen. Das Problem ist, dass die Industrie Schrauben & Co mehr und mehr verbirgt oder in grössere Gehäuse verpackt, verklebt oder veschweiβt, so dass wir kaum mehr auf die Idee kommen können, welche Funktionalität Schrauben, Klammern oder Steckmechanismen überhaupt haben könnten. Wir werden zur Passivität erzogen. Es ist, als rufe die Industrie: „Konsumenten dieser Welt, wir helfen Euch dabei, die Augen zu verschlieβen, das Ding wegzuwerfen und ein neues zu kaufen!“ Und das schlimmste an diesem Appell ist, dass wir nur allzu oft dabei mitmachen (müssen). Konnte ich meinen Staubsauger vollumfänglich instand setzen? Nein – den Fuss musste ich komplett entsorgen, obwohl nur der Kippschalter defekt war. Irreparabel. Ist es möglich, in einer elektrischen Zahnbürste nur den Akku zu ersetzen? Selten. Kann man einen Automotor eines neueren Automodells reparieren, ohne ein Fehlerauslesegerät zu haben? Nochmal nein. Herrgott, ist die Welt kompliziert geworden – und alles nur, damit wir mehr und mehr konsumieren und fortlaufend mehr Müll produzieren?

Im nächsten Beitrag gibt es einen kleinen Exkurs zu diesem Thema, bevor es zurück zu „Die Kultur der Reparatur“ geht.

Die groβen Hebel für kleine ökologische Fuβabdrücke

Meine Reihe zum Buch „Die Kultur der Reparatur“ von Wolfgang E. Heckl geht weiter! Heute leite ich mit dem Thema Beleuchtung ein und gehe dann zu den groβen Hebeln über, deren Betätigung eine markante Verringerung des ökologischen Fuβabdrucks bringen würden. Doch fangen wir mit dem Thema Beleuchtung an: Heckl geht der Sache auf den Grund, das gefällt mir. Zusammengefasst seine zentralen Gedanken dazu:

Glühbirne

  • Der Gesetzgeber hat den Verkauf von herkömmlichen Glühbirnen verboten, um energiesparende Leuchtmittel mit einer besseren Energieeffizienz zu fördern.
  • Während es richtig ist, Energie einzusparen, fragt sich Heckl, ob der Gesetzgeber nicht an der falschen Stelle angesetzt hat, denn:
  • Es ist zwar klar, dass eine herkömmliche Glühbirne 90 Prozent des eingesetzten Stroms in Wärme umwandelt. Hingegen ist überhaupt nicht transparent, was die teilweise schwermetallbelasteten Energiesparlampen bei Herstellung und Recycling an Ressourcen verbrauchen.
  • Wenn also die neuen Leuchtmittel teurer sind als Glühbirnen, dann kann es nur damit gerechtfertigt sein, dass sie a) eine längere Lebensdauer haben, b) einen geringeren Energieverbrauch und c) dass die ökologischen Herstellungs- und Entsorgungskosten berücksichtigt werden.
  • Denkbar wäre auch ein flächendeckender Einsatz von Halogenleuchten, mit denen sich 30 Prozent Energie einsparen lässt. Sie werden aber 2016 verboten.
  • LED’s sind möglicherweise die Leuchtmittel der Zukunft. Doch hat man, so Heckl, den Gesamtstoffkreislauf noch nicht vollständig beachtet.
  • Schwierige Rechnung! Da gilt es mehr zu berücksichtigen als nur die Energieeffizienz, lerne ich bei der Lektüre der Kalkulationen auf den nächsten Seiten.

Doch lohnt es sich überhaupt, diese Rechnung anzustellen? Die Kosten für Beleuchtung in Deutschland machen gerade mal 1,5 Prozent des gesamten Energiebedarfs des Landes aus. Heckl’s Fazit: wir führen möglicherweise an einer Stelle einen Kampf, „der wie der von Don Quichotte mit den Windmühlen anmutet“. Und er betont, dass es Bereiche mit viel gröβeren Einsparpotenzialen gibt, z.B. bei effizienteren Heizungsanlagen, Wärmedämmung und neuen Methoden, Strom und Wärme gekoppelt herzustellen.

don_quijote-1_25518618

Der Kampf gegen Windmühlenflügel

Ja, das stimmt – ich kann es aus eigener Erfahrung bestätigen, denn ich arbeite in der Branche. Siemens Building Technologies ist eine Division des Siemens-Konzerns und stellt Gebäudetechnologie her: Heizungs-, Lüftungs- und Klimaregelung, Gebäudeautomationssysteme und -leittechnik, Brandschutz und Sicherheitslösungen – alles, was man zum sicheren und energieeffizienten Betrieb eines Gebäudes oder Gebäudeverbundes braucht. Ein paar Zahlen dazu: Die Städte der Welt benötigen 75 Prozent unserer globalen Energie. Die energieintensivsten Verbraucher in Städten sind Gebäude: auf sie entfallen 40 Prozent des Energieverbrauchs und sie stoβen über 20 Prozent der CO2-Emissionen aus. Mit einer guten Regelung und Automatisierung der bestehenden Heizung- Lüftung- und Klimasysteme lässt sich bis zu 20 Prozent Energie einsparen! Mit Modernisierungen noch viel mehr. Angesichts des Bevölkerungswachstums und der immer höheren Bevölkerungsdichte in Städten (heute lebt über die Hälfte der Bevölkerung in Städten, Schätzungen gehen davon aus, dass es 2050 bereits an die 70 Prozent sein werden) sind das die wirklich effizienten Hebel, die man in Bewegung setzen muss.

HK-Skyline

Hong Kong

Bei diesen Überlegungen kommt mir eine Diskussionsrunde im Fernsehen in den Sinn, die ich vor ein paar Monaten sah: dort trafen zwei Menschen mit unterschiedlichen Standpunkten aufeinander. Der eine war der Meinung, dass jeder individuelle Beitrag, so klein er auch sein möge, ein wichtiger Beitrag sei. Der andere vertrat die Ansicht, dass das alles Augenwischerei sei, so lange der explosionsartig wachsende Energiebedarf in China mit Kohle gestillt würde. Denn China ist der mit Abstand größte Verbraucher von Steinkohle. Das Land hat einen Weltmarktanteil von 51,4 Prozent an dem Energieträger. Die USA und Indien rangieren mit Abstand dahinter.*  Aber auch andere Länder ziehen nach: der Kohleverbrauch stieg Anfang 2012 in Spanien um 65 Prozent, in Großbritannien um 35 Prozent und in Deutschland immerhin um acht Prozent. Irgendwoher muss die Energie ja kommen, die wir täglich brauchen, erst recht, wenn der Atomstrom nach und nach ganz verschwinden soll. Energiewende lässt grüβen!
*Quelle: Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR)/Deutsche Rohstoffagentur (DERA).

Kohlekraftwerk bei Shanghai
Foto von Evelin E., http://fc-foto.de/32716951

Mich würde Eure Meinung dazu interessieren! Wie motiviert Ihr Euch dazu, liebe Leserinnen und Leser, Euren individuellen Beitrag zu leisten, wenn täglich Abertausende von Tonnen CO2 durch Kohlekraftwerke in China oder Indien ausgestoβen werden, um den Energiehunger der vielen Milliarden Menschen zu stillen? Wie geht Ihr mit diesem David-Goliath-Paradigma um? Wie schafft Ihr es, Euch zwischen den beiden Haltungen „Trotzdem Ressourcen schonen, nachhaltig leben, seinen individuellen Beitrag leisten“ und „Nach mir die Sintflut, es ist eh egal, was ich tu“ nicht entmutigen zu lassen?

klimasuender-DW-Wissenschaft-Weitere Links

  • Lesenwert zu dem Thema Energiehunger in den stark wachsenden Ländern ist dieser Artikel aus dem Handelsblatt mit der Prognose der Energieagentur hier
  • Und ein bereits älterer, aber noch aktueller Beitrag aus „Die Welt“ findet sich hier

Geplante Obsoleszenz – eingebaute Schwachstellen in Geräten

Aus dem Kapitel „Die Anatomie der Wegwerfgesellschaft“ des Buchs „Die Kultur der Reparatur von Wolfgang E. Heckl, über das ich auch schon in meinen letzten Beiträgen schrieb (erster und zweiter Beitrag), gefielen mir auch einige Fakten, Überlegungen und Zusammenhänge.

Die „geplante Obsoleszenz“ ist ein recht neues Phänomen: in Produkte oder Geräte werden gezielt Schwachstellen eingebaut, die kurz nach Ablauf der Garantiefrist kaputt gehen. Da sich eine Reparatur oft nicht lohnt, soll so der Erwerb eines neuen Produkts oder Geräts angekurbelt werden. Beispiel Drucker. Heckl schreibt dazu „Klar ist jedoch, dass die Industrie ein Interesse daran hat, Produkte so herzustellen, dass ein Optimum an Materialeinsatz, Lebensdauer und Preis erreicht wird. Ihre betriebswirtschaftlich motivierte Strategie hat dabei oft den Nachteil, dass Produkte nicht so lange halten, wie sie eigentlich – gebaut mit langlebigen Bauteilen und nach allen Regeln der Ingenieurskunst – halten könnten.“ Er schreibt, dass der Kauf eines Radiogeräts für seine Eltern noch eine Anschaffung für’s Leben war. Ja, ich erinnere mich daran, dass mein Vater immer sehr gute und qualitativ hochwertige Elektrogeräte kaufte. Seine Stereoanlage durfte niemand anfassen und sie hielt fast ein ganzes Leben! Und ich muss mich auch nicht verstecken: unsere Anlage hält nun auch schon fast 20 Jahre – sie hat aber inzwischen ein paar Macken. Vielleicht sollte ich das Repair-Café probieren!

Bild

Solche Radioapparate standen noch vor zwei bis drei Generationen in den Wohnzimmern

Meiner Meinung nach kann man aber nicht nur den Unternehmen den schwarzen Peter zuschieben, die sich nicht sonderlich bemühen, Schwachstellen von vorne herein zu vermeiden. Schon immer gab es findige Händler und schlaue Prodzenten, die versuchten, den Verkauf anzukurbeln und neue Begehrlichkeiten zu schaffen. It takes two to tango… Wir Konsumenten spielen eine zentrale Rolle. Aber erst in jüngerer Zeit entsteht dabei so viel Müll wie heute. In diesem Zusammenhang las ich einen Gedanken dazu in Heckl’s tollem Buch, über den ich noch gar nicht so recht nachgedacht hatte: Es gibt auch eine „funktionelle Obsoleszenz“. Sie tritt immer dann auf, wenn ein Gerät weiterentwickelt wurde und der technische Fortschritt das Gerät oder Produkt optimiert. Habe ich mir nicht kürzlich einen ultraleichten Laptop geleistet, auf dem ich jetzt diesen Blog schreibe? Der ein Tablet und Laptop in einem ist? Mit dem ich gemütlich auf dem Sofa im Wohnzimmer sitzen kann, die Füsse hochgelegt? Natürlich mit einer kabellosen Maus, damit ich nicht so ein Kabelwirrwarr habe? Dabei ist der PC im Büro einen Stock höher doch noch sehr leistungsfähig und gut… Ich muss mich selber an der Nase fassen.

Einige Software ist so ausgerichtet, dass sie bei einem neuen Softwarepaket eine neue Hardware verlangt. Gerade Software sprengt die Grenzen des „höher, weiter, schneller“, indem immer mehr Funktionalität zu den Programmen hinzugefügt wird. Das braucht Arbeitsspeicher und Festplattenpower. Man solle als Konsument daher auf die Aufwärtskompatibilität achten, so Heckl. Und dann kommt er zur „psychologischen Obsoleszenz“: Konsumenten folgen auch modischen Bedürfnissen, beispielsweise bei Kleidung, Möbeln oder auch Geräte, die ein besonderes Design haben und Kult sind (mir kommen sofort die langen Schlangen von den Apple Stores in den Sinn, wenn ein neuer iPad oder das ultraneue iPhone herauskommt).

Bild

Ein Ärgernis sind Feinstrumpfhosen und -strümpfe. Das Gewebe ist mechanisch einfach nicht stabil genug und andauernd kann man wieder Strümpfe mit Laufmaschen wegwerfen. Ein Gedanke dazu: „Wir müssen uns, wollen wir das ändern, fragen, ob wir als Kunde bereit sind, mehr zu bezahlen. Denn viel hängt von den Materialien ab, bei denen meistens gilt: je teurer, desto haltbarer“. Ich habe mir vorgenommen zu recherchieren, welche Feinstrümpfe am aller-aller-allerhaltbarsten sind und werde mir diesen Punkt zu Herzen nehmen!

Bild

Die Folgen für die Umwelt sind gravierend. Ökologisch gesehen sind langlebige Produkte wesentlich besser. Ob es aber wirklich so ist, dass der Verbraucher es in der Hand hat, diesen Trend zu setzen und wir irgendwann einmal dahin kommen, dass es neben dem Energieeffizienzklasse-Label auch eine Plakette für Langlebigkeitsklassen auf den Geräten gibt? Da bin ich persönlich dann doch eher pessimistisch. Eine gute Idee hingegen fände ich hingegen die Einführung einer Abgabe für kurzlebige Produkte für technisch oder manuell hergestellte Waren. Oder eine Staffelung der vorgezogenen Recyclinggebühr, die für langlebige Produkte niedriger und für kurzlebige höher sein müsste. Und auf Werbung mit Langlebigkeitsargumenten würden sicher viele Konsumenten aufmerksam werden!

Ein lesenswerter Artikel der Journalistin Susanne Wolf zu dem Thema findet sich hier.

Die Kultur der Reparatur

Heute möchte ich Euch von einem Buch berichten, das ich kürzlich gelesen habe. Es heiβt „Die Kultur der Reparatur“ und wurde von Wolfgang M. Heckl verfasst. Ich werde in ein paar Blog-Beiträgen die Aussagen und Informationen zusammenfassen, die mir besonders gut gefallen haben.

Heckl_DieKultur.indd

Carl Hanser Verlag München, 2013, ISBN 978-3-446-43678-7

Das „Plädoyer für eine Kultur der Reparatur“ beginnt mit einem Zitat von Wilhelm Busch, „Glück entsteht oft durch Aufmerksamkeit in kleinen Dingen“. Wie wahr! Der Autor beginnt mit der Historie der Repair-Bewegung, deren Mitstreiter die Kleidung auf“pimpen“ und sich in Repair Cafés treffen. Das erste Repair-Café wurde in den Niederlanden gegründet, im Jahre 2009. Eine Journalistin, die sich gegen die Überfluss- und Wegwerfgesellschaft auflehnte, in der niemand mehr richtig fähig ist, Dinge zu reparieren, legte den Grundstein für Cafés, in denen Menschen zusammenkommen, um Dinge zu reparieren. Ehrenamtlich und unentgeltlich. Es folgten holländische Designer, die ein „Repair Manifesto“ verfassten und dazu aufriefen, kein Sklave der Technologie zu sein und sich von der Industrie nicht zum bequemen Konsumenten erziehen zu lassen.

Heckl schreibt, dass er Bildung nicht allein als eine Bildung des Kopfes betrachte. Vielmehr verlaufe das Lernen nur dann optimal, wenn man sich auch praktisch, vor allem manuell, betätige. Weiter lese ich (und das gefällt mir so gut, dass ich es zitiere): „Das Reparieren, sich selbst zu helfen, ist eine sinnstiftende Tätigkeit. Es ist gelebte Nachhaltigkeit, bedeutet die Übernahme von Verantwortung, verbindet mich sinnvoll mit dem, was mich umgibt, und zwingt zum genauen Schauen, Erleben und Entdecken. Die Reparatur fordert mein Verständnis der Funktion von Dingen und damit auch die Wertschätzung gegenüber denen, die sich das Werkstück oder Gerät ausgedacht, die es erfunden und auch hergestellt haben. Des Weiteren gewinnt jeder, der reparieren und/oder etwas herstellen kann, an Autonomie.“

Der nächste kluge Gedanke in seinem Plädoyer der ersten Seiten ist, dass die Kultur der Reparatur auch dazu beitragen kann, die gröβer werdende Lücke zwischen den Generationen zu schlieβen. Hier spricht er einen ganz wichtigen Punkt an: es gibt sehr viel brachliegendes Potenzial in unseren (europäischen, aber nicht nur diesen) Gesellschaften. Wie viele ältere Menschen haben so viel Wissen und Fertigkeiten, die von der Gesellschaft nicht mehr eingefordert und wertgeschätzt werden (ich kann ein Lied davon singen, wie die ältere Generation systematisch bei Firmenumstrukturierungen ausgemustert und in die Frührente geschickt werden)! Dabei wäre das Zusammenführen der Generationen gerade in Zeiten des demographischen Wandels zentral.

Ein weiterer Grund für eine gesunde Kultur der Reparatur: die Endlichkeit der Ressourcen. Darüber muss ich wohl gar nichts schreiben, das wissen wir alle. Nicht erst seit gestern… Spannend fand ich aber diesbezüglich die Überlegung, dass wir in Kreisläufen denken lernen müssen, so wie beim Recycling. Für eine Kreislaufwirtschaft braucht es technologischen Erfindergeist und einen intelligenten Verbraucher, der bereit ist, für langlebigere und reparierbare Produkte einen Aufpreis zu zahlen – eben weil er in Kreisläufen denken kann.

Nach der Lektüre des ersten Kapitels wusste ich: dieses Buch lege ich nicht zur Seite! In meinem nächsten Beitrag gehe ich auf die Ausführungen zum Verlust elementarer Fähigkeiten ein, die einer Kultur der Reparatur im Wege stehen – auch ein spannendes Thema. Damit schlieβe ich für heute und hoffe, dass die ersten Gedanken dieses lesenswerten Buchs Euch genauso gefallen, wie mir! Kommentare dazu? Immer gern!