Schnippeldisko für unverkäufliches Gemüse

Eine Schnippeldisko – was ist denn das? Als ich die Überschrift des Online Artikels las, wurde ich neugierig. Es geht um einen Event im Berliner Zentrum für Kunst und Urbanistik: Bei Tanzmusik wird knubbeliges Gemüse, das nicht verkauft werden kann, zu einer Suppe verarbeitet. Das Gemüse wird von lokalen Produzenten zur Verfügung gestellt, die Suppe wird den Teilnehmern an der für den Folgetag geplanten Demo „Wir haben es satt“ den Bauch wärmen. In Berlin werden dieses Jahr rund 1000 Teilnehmer erwartet, um die rund zwei Tonnen Gemüse zu verarbeiten! Der Termin ist der 15. Januar 2016.
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Die Schnippeldisko wurde erstmalig 2012 von Slow Food Youth und Partnern veranstaltet, viele Länder haben schon nachgezogen. Ich finde die Schnippeldisko eine hervorragende Aktion, um auf den Missstand der Lebensmittelverschwendung aufmerksam zu machen und ein Zeichen zu setzen!

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Das Magazin, in dem der Artikel erschien heisst enorm Magazin. Schwerpunkt: Das enorm Magazin betrachtet Wirtschaftsmodelle, Unternehmen und Personen, die auf die wachsenden lokalen und globalen Herausforderungen in Gesellschaft & Umwelt reagieren und wertvolle Impulse geben. Die Online Version gibt es auch im Facebook, beide Auftritte haben mich sehr angesprochen, es sind spannende Artikel zum Umgang mit Ressourcen darin zu finden.

Weiterführende Links
Slow Food Youth (globale Seite)
Slow Food Youth Deutschland
Slow Food Youth Schweiz
Slow Food Youth Österreich

 

Taste the waste und die Frage der kritischen Masse

„Die geplante Obsoleszenz ist schon problematisch genug, noch mehr anzuprangern ist aber das gezielte Wegwerfen noch voll funktionsfähiger Produkte, sei es aus einer individuellen Konsumlaune heraus, sei es über staatliche Programme, wie die Abwrackprämie für ältere Fahrzeuge ohne Katalysator, oder sei es aufgrund von Überproduktion wie insbesondere in der Lebensmittelindustrie.“ Das schreibt Wolfgang M. Heckl in seinem Buch „Die Kultur der Reparatur“, mit dem ich mich in zahlreichen Blogbeiträgen auseinandergesetzt habe. Im letzten Kapitel geht es um Auswege aus der Wachstumsspirale. Hierzu passt auch die Fragestellung, wozu Müll noch gut sein kann. Einige Beiträge dazu schrieb ich schon: die Papiertüten des Fairtrade-Ladens Claro in: Kaffeeblüten-Honig aus Guatemala, eine andere Art des Umgangs mit Müll in: Kunst aus Abfall oder die Verwendung von Müll für Alltagsgegenstände in: Wirfsnichtweg!

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90 Millionen Tonnen Nahrung verschwendet
In Deutschland landen pro Jahr rund elf Millionen Tonnen Lebensmittel auf Müllkippen, in Europa sind es an die 90 Millionen Tonnen. Eine unvorstellbar hohe Zahl! Gemäss einer Studie der Universität Stuttgart im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz aus dem Jahr 2012 bringt es der durchschnittliche Bürger jährlich auf rund 100 kg, schreibt Heckl.

Widerstand regt sich. Die Bewegung der Dumpster und Dumpdiver – zu Deutsch: Mülltauchen oder Containern – sind ein Ausdruck dieses Protests. Sie holen Lebensmittel, die weggeworfen werden, aber noch gut sind. Fundort: Container von Supermärkten, Discountern, Markthallen oder Restaurants. Das Ziel dahinter ist nicht nur, sich aus einer Not heraus zu ernähren, oder damit auf Überproduktion und die Essensvernichtung aufmerksam zu machen, sondern vor allem um das Teilen, das Foodsharing. Gesammelt werden Lebensmittel, die originalverpackt weggeworfen werden, weil das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist, Früchte, die kleine Stellen haben, Produkte, die eingedellte Verpackungen haben und deshalb vom Konsumenten nicht gekauft werden, beispielsweise Dosen mit Dellen. Mülltaucher und Foodsharer sind sehr kreativ, sie stellen die Lebensmittel auf unterschiedlichste Art und Weise zur Verfügung – in ihrem eigenen Kreis, in Stadtteilen oder Städten. Andere kochen daraus leckere Mittagsgerichte, füllen sie in recycelbare Glasbehälter ab und verkaufen sie in der Stadt. Ein Lieferservice – selbstverständlich mit dem Fahrrad – wird dazugeboten. Ein lesenswerter Beitrag findet sich hier: Resteveredelung-Artikel in der Zeitschrift „Horizonte“ Ein Ansatz, den ich auch sehr gut finde sind Lebensmittelgeschäfte, bei denen gar nicht erst so viel Verpackungsmüll und Reste entstehen, weil die Kunden sich die Mengen bedarfsgerecht „zapfen“ können, wie Lunzers Massgriesslerei, vorgestellt vom Blog Widerstandistzweckmässig.

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Lunzers Massgreisslerei. Foto von http://www.widerstandistzweckmässig.wordpress.com

Heckl schreibt dazu: „Nichts verkommen lassen ist also nicht mehr nur Ausspruch der Nachkriegsgeneration, nicht mehr Verzichtsappell aufgrund einer Mangelwirtschaft, sondern ein Appell, in Zeiten einer Überflussgesellschaft moralisch zu handeln, überschüssige Ware Bedürftigen zukommen zu lassen, statt sie wegzuschmeißen.“ In die gleiche Richtung geht der Trend der Gemeindehilfsnetzwerke (z.B. Gemeinwohlökonomie), der Gratisökonomie mit ihren Umsonstläden oder der Tauschbörsen.

Einer für alle, alle für einen
Ich beobachte, dass Hilfsgemeinschaften und Nachbarschaftsnetzwerke im Rahmen der Shared Economy, genossenschaftlich organisierte non-profit Unternehmen und Fair Trade Organisationen, die allesamt nach dem Prinzip „einer für alle, alle für einen“ folgen, immer mehr in Mode kommen! Noch findet die Abkehr von volkswirtschaftlichen Wachstumsmodellen erst im Kleinen statt. Steigt der Leidensdruck aufgrund des Bevölkerungswachstums und der immer knapper und damit teurer werdenden Ressourcen, werden solche Modelle immer mehr Zulauf bekommen. Es ist nur eine Frage der kritischen Masse!

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Zum Buch „Die Kultur der Reparatur“ von Wolfgang M. Heckl schrieb ich bisher folgende Beiträge:
Die Kultur der Reparatur – Einführung
Arbeitsteilige Fertigung vs. Ganzheitlichkeit
Geplante Obsoleszenz – eingebaute Schwachstellen in Geräten
Die großen Hebel für kleine ökologische Fußabdrücke
Irreparables Design – muss das sein?
The world in our hands
9 Schritte zum erfolgreichen Reparieren
Der Lohn der Reparatur
Aus der Wachstumsspirale ausbrechen

Aus der Wachstumsspirale ausbrechen

Das wunderbare Buch „Die Kultur der Reparatur“, das ich in meinem Blog zusammengefasst habe, neigt sich langsam dem Ende zu. Im letzten großen Kapitel setzt sich der Autor Wolfgang E. Heckl mit den Auswegen aus der Wachstumsspirale unserer Gesellschaft und Volkswirtschaften auseinander.

Seine These: Um aus der Wachstumsspirale auszubrechen, müssen wir aufbrechen, und zwar in die Reparaturgesellschaft.

imageVor über 25 Jahren erschien von der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Brundtland-Bericht zur nachhaltigen Entwicklung. Heckl zitiert aus diesem Bericht: „Voraussetzung für nachhaltiges Handeln ist jedoch auch soziale Gerechtigkeit, denn von Menschen, die Armut und Unterernährung ausgesetzt sind, können nicht dieselben Beiträge zu einer Zukunftsgesellschaft verlangt werden, wie vom gesättigten Westen, dessen Lebensstil angesichts der Begrenztheit der Erde sowieso nicht auf eine wachsende Erdbevölkerung übertragen werden kann. Trotzdem müssen wir Regelungsmechanismen finden, die uns umdenken helfen. Dazu gehörten Marktkräfte genauso wie moralische Aspekte, wie emotionales Marketing und, ganz wichtig, neue Technologien.“ An dieser Stelle möchte ich auf meine Ausführungen in Die großen Hebel für kleine ökologische Fußabdrücke hinweisen – und auf die weiterführenden Kommentare und Diskussion, die sich auf diese Themen hin entwickelt haben. Mich beschäftigt dieses Thema nach wie vor sehr. Ich habe – auch in Heckls Buch – immer noch keine abschließende Antwort auf die Frage gefunden, wie ein Umwelt- und Nachhaltigkeitsbewusstsein bei den Menschen entstehen kann, die sich auf der Bedürfnispyramide von Maslow ganz unten befinden.

Der Bericht ist zwar schon älter, aber vor dem Hintergrund der rasanten Entwicklung einer Konsum- und Wegwerfgesellschaft bei explodierendem Bevölkerungswachstum und gleichzeitig knapper werdenden Ressourcenlage immer noch aktuell. Der Weg zurück zu einer Kultur der Reparatur könnte eine hilfreiche Antwort auf diese Herausforderungen sein. Reparierbarkeit müsste dann zu einer Marktkraft werden und Unternehmen Wettbewerbsvorteile verschaffen. Die Kraft des Marktes bestimmen wir als Konsumenten meiner Meinung nach maßgeblich selber – denn der Markt bildet sich um unsere Nachfrage herum. Heckl schreibt weiterhin, dass ein „Design for Repair“, bei dem die Reparaturfähigkeit eines Produkts wieder wichtig wird, genauso sinnvoll wäre wie eine Preispolitik, die den wahren Wert des Produkts widerspiegeln würde (s. auch meinen Beitrag Unser tägliches Zeug gib‘ uns heute). Der Preis müsste die wahren Kosten beinhalten: den gesamten Ressourcen- und Energieverbrauch, aber auch die Reparatur- und Recyclingkosten, gerechnet auf die Lebensdauer des Produkts (zu diesem Thema lohnt sich das Video aus The story of stuff). Aus Sicht des Autors müsste dies langsam und schrittweise geschehen, denn viele Produkte würden bei so einer Preisbildung unbezahlbar. Als Beispiel wird das Steak genannt: würde man die zur Herstellung nötigen Rohstoffe wie Wasser, Mineralien, Energie und Transportkosten alle konsequent mit einberechnen, wäre der Verkaufspreis viel, viel höher.

PreisschildEin weiterer wichtiger Punkt ist die Weiterentwicklung der Technologie. „Um eines werden wir nicht herumkommen: Wir brauchen die Technologien zur Reparatur, zum Recyceln sowie zum Ausnutzen, Speichern und Verteilen der erneuerbaren Technologien.“ Wie wird es in einem halben Jahrhundert möglich sein, Flugreisen anzutreten? Das Kerosin könnte dann unerschwinglich sein. Heutige Batterien – die besten ihrer Art – sind um Faktor 100 von dem entfernt, was benötigt wurde, um ein Objekt auf der Erde von A nach B zu bringen. Dabei ist noch nicht einmal einberechnet, was es zusätzlich an Energie bräuchte, um die dritte Dimension des Fluges zu gewährleisten, nämlich die Schwerkraft zu überwinden. Neue Mobilitätslösungen und Konzepte sind gefragt!

Aber wie könnten Unternehmen, die global Ressourcen abbauen und verarbeiten zur nachhaltigen Produktion animiert werden? Da gibt es wohl viele Faktoren. Einer davon ist, dass wir als Verbraucher smarter werden. Das Wort „smart“ wird zwar inflationär verwendet, aber Heckl meint damit: „Immer häufiger ist von smarten Geräten die Rede. Telefone nennt man Smartphones, aber es gibt auch Smart Cabrios. Ich ziehe smarte Menschen jedoch smarten Produkten vor oder besser: Smarte Menschen sollten wirklich smarte Produkte herstellen und benutzen, und nicht solche, denen nur das Etikett anhaftet. Eine unüberschaubare Vielzahl von Geräten herzustellen, bei denen wir Konsumenten nicht mehr zwingend zwischen dem, was wichtig, und dem, was unwichtig ist, unterscheiden können ist keine gute Entwicklung.“

kid-smart-lightbulb-brain-600x338Wenn ich das richtig verstehe, geht es auch darum, dass wir uns als Verbraucher bei jedem Ding, das wir in die Hand nehmen, fragen: brauche ich das wirklich? Warum brauche ich es? Kann ich den Bedarf auch anders decken, beispielsweise ohne zusätzliche Ressourcen zu verbrauchen? Mit Existierendem? Aufgehübschtem, Upcyceltem? Mit Verändertem und Angepasstem? Was ich da gerade gelesen habe impliziert einen Menschen, der zwischen den „wirklich smarten“ und den „nur smart genannten“ Produkten unterscheiden kann. Einen Menschen, der informiert und interessiert ist. Der nicht nur nachhaltig denkt, sondern auch bereit ist, danach zu handeln.

Ich schätze den Prozentsatz solcher Menschen in den Wohlstandsgesellschaften als recht niedrig ein. Global gesehen erst recht. Um diesen zu steigern, muss noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden. Handlung, Aktion ist nötig, damit das Bewusstsein wächst und in Bewegung kommt. Jetzt können wir noch agieren. Wenn der Leidensdruck erst einmal so hoch ist, dass wir nur noch reagieren können, wird es vielleicht zu spät sein, das Wort „Nachhaltigkeit“ endlich bis zum Rand mit Inhalt zu füllen.

Der nächster Beitrag des letzten Kapitels: „Taste the waste“ kommt demnächst!

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Zum Buch „Die Kultur der Reparatur“ von Wolfgang M. Heckl schrieb ich bisher folgende Beiträge:
Die Kultur der Reparatur – Einführung
Arbeitsteilige Fertigung vs. Ganzheitlichkeit
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Irreparables Design – muss das sein?
The world in our hands
9 Schritte zum erfolgreichen Reparieren
Der Lohn der Reparatur

 

Andrés, der kolumbianische Schneider aus Bogotá

Mein Name ist José Andrés Flórez Rodríguez und ich bin Schneider. Ich wurde am 19. September 1976 in Bogotá, der Hauptstadt von Kolumbien, geboren. Aufgewachsen bin ich nicht weit von hier, von meinem Laden. Ich betreibe eine Schneiderei und Reinigung – bin also mit meinen 38 Jahren schon lange Unternehmer und mein eigener Herr. Privat bin ich verheiratet, meine Frau heisst Rocío. Wir haben einen zweijährigen Sohn, der Jacobo heißt, unser ganzer Stolz! Meine Frau ist auch berufstätig. Während unserer Abwesenheit kümmert sich meine Schwiegermutter um unseren Junior.

Andres Florez ColombiaIch war sehr überrascht, als ich die Anfrage bekam, meiner Kundin ein Interview zu geben. Als sie mir erklärte, dass sie im Internet in ihrem Blog über die Themen Reparatur, Schonung von Ressourcen und Recycling schreibt, war ich sofort motiviert, mitzumachen. Ich habe übrigens ihre Bluse, einen Blazer und noch andere Kleidungsstücke wieder zu neuem Leben erweckt! Hast Du den Beitrag Vorher – Nachher: Upcycling der Lieblingsbluse, schon gesehen?

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Anbei meine Antworten auf die Fragen, die sie mir gestellt hat:

Wie ich mein Handwerk gelernt habe
Das Schneidern liegt bei uns in der Familie: schon mein Großvater war Schneider und mein heute 75-jähriger Vater arbeitet noch immer in seinem Handwerk. Ich habe drei Brüder und eine Schwester. Wir haben unserem Vater schon in der Schulzeit mitgeholfen und er hat uns den Beruf gelehrt. Meine Geschwister haben wie ich in anderen Stadtteilen ihre eigenen, kleinen Schneidereien. Wir sind sehr froh, dass es uns allen gut geht. Einen Berufsverband? Nein, so etwas gibt es meines Wissens in Kolumbien nicht – zumindest habe ich noch nie etwas davon gehört. Und ich wüsste davon, wenn es das gäbe!
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Meine Schneiderei
In meinem Laden, den Ihr hier auf den Fotos sehen könnt, hat schon mein Vater für seine Kunden genäht. Damals arbeitete er noch mit einer mechanischen Fußpedal-Nähmaschine. Das Lokal war ganz anders als heute, es gab mehrere kleine Räume. Als ich 19 Jahre alt war, starteten mein Bruder und ich hier, mit Vaters Nähmaschine. Vor fünf Jahren konnten wir das ganze Haus kaufen und ich renovierte den Laden. Dabei wurden auch Wände herausgerissen, so dass jetzt alles viel größer und heller wirkt. Inzwischen habe ich natürlich auch elektrische Nähmaschinen und bin damit gut ausgestattet. Ich habe auch eine Annahmestelle für die Reinigung von Kleidern in meinen Laden integriert, das wird hier in unserem Stadtteil rege genutzt. Mit der Kombination Schneiderei-Reinigung kann ich meinen Kunden nun einen besseren Service bieten und ich verdiene dadurch auch besser. Sogar eine Aushilfe kann ich mir jetzt leisten.
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Was ich zum Thema Reparatur denke

Im Unterschied zu früher sind heute 90% meiner Näharbeiten Reparaturen. Vor nicht allzu langer Zeit ließen sich die Leute noch Kleider nähen, weil sich das lohnte. Ein schickes Festkleid kostete 600’000 Pesos (ca. 300 Franken / 225 Euro). Heute bekommt man es für einen Viertel dieses Preises im Laden. Allerdings hat die Qualität sehr nachgelassen. Der Textilwarenmarkt wird mit chinesischer Ware überschwemmt, Kleidung wird quasi zum Wegwerfartikel. Leider! Damit will die Kleidungsindustrie die Nachfrage ankurbeln. Wie bei Elektrogeräten auch. In meinem Laden benötige ich beispielsweise ein Bügeleisen, um die Kleidungsstücke, die ich repariere nach getaner Arbeit aufzubügeln. Während meine ersten Bügeleisen locker 10 Jahre und länger hielten, geben die jetzigen Modelle schon nach einem Jahr den Geist auf. Wie die Beziehungen übrigens inzwischen auch!

DSCN9207Meine Beobachtungen zum Recycling
Hier in Kolumbien musst Du nur etwas vor die Tür stellen – sofort holt es sich jemand, der es brauchen kann. Hier vor meiner Tür sieht man auch oft kleine Transporter von privaten Recycling-Unternehmen vorbeikommen, sie holen Glas, Elektrowaren, Metalle und vieles mehr ab. Auch Privatpersonen durchstreifen die Straßen mit ihren Megafonen und weisen auf ihre Recyclingdienste hin. Das funktioniert ganz gut. Sie sammeln die Dinge und verkaufen sie weiter, das ist ein gutes Geschäft. Bezüglich gebrauchter Kleidung gibt es an der Plaza España einen Mann, der diese aufkauft. Für ein Kleidungsstück zahlt er zwischen 1.000 und 3.000 Pesos (50 Rappen bis 1.50 Franken / 40 Cent bis 1.20 Euro). Das hört sich nach wenig an, aber die Menge macht’s. Auch gibt es in der Stadt Second-Hand-Läden, in denen Schuhe, Kleidung, Taschen und Gebrauchsgegenstände aus den USA verkauft werden. Mobiltelefone werden leider viel zu schnell weggeworfen. Ich selber versuche, in meinem Laden sorgsam mit den Dingen umzugehen. Die Plastikbügel der Reinigung verwende ich wieder: meine Kundinnen und Kunden bringen sie zurück. In Kanada wird dies auch so gehandhabt, habe ich gelesen.

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Was mir an meiner Arbeit am meisten gefällt
Ich haben den Umgang mit meinen Kundinnen und Kunden sehr gern. Eigentlich hätte ich Psychologe werden wollen, habe mich dann aber doch für’s Handwerk entschieden. Hier in meinem Stadtteil kenne ich durch die Laufkundschaft viele Leute. Sie mögen mich und ich mag sie. Sie vertrauen mir, weil ich ihre Kleidung und ihre zu reinigende Stücke gut behandle. Die Wertschätzung und das Vertrauen, das man mir entgegenbringt, tun mir gut. Mit der Zeit kennt man von den Menschen ihre Geschichten und gewinnt so manchen auch lieb. Schicksale wie Krankheiten oder Tode können mir ganz schön unter die Haut gehen. Aber im Großen und Ganzen ist es erfüllend, so viel Kontakt zu anderen Menschen zu haben.

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Meine Träume für die Zukunft
Als Unternehmer muss ich hart ran: mehr Arbeit, eine höhere zeitliche Belastung. Aber dafür verdiene ich auch besser, kann mit meiner Familie in den Urlaub fahren – das ist der Vorteil. Ein Nachteil ist, dass ich keine Sozialversicherung für mein Alter habe. Darüber mache ich mir aber keine allzu großen Sorgen, denn das Grundstück, auf dem mein Laden steht, hat in den letzten Jahre einen starken Wertzuwachs erfahren. Die Stadt wächst in diese Richtung. Mein Traum ist es, auf meinem Grundstück ein Hochhaus mit vier Stockwerken zu bauen. Es soll sechs Wohnungen und zwei Lokale haben, die ich vermieten kann. Im oberen Stockwerk möchte ich meine eigene Wohnung haben. So kann ich von den Mieteinnahmen unser Alter finanzieren. Das ist natürlich noch eine Weile hin, ich bin ja noch jung. Mittelfristig möchte ich meine Arbeit weitermachen, aber das Geschäft anders aussteuern. Und in der näheren Zukunft möchte ich gern nochmal Papa werden!

DSCN9224Einen weiteren Beitrag zu Andrés‘ Arbeit findest Du hier: Vorher – Nachher: Upcycling der Lieblingsbluse

Rochade: Plastik gegen Krankheitserreger

Heute las ich einen Beitrag über eine groß angelegte Untersuchung von Bakterien und Krankheitserregern auf Geldscheinen auf welt.de: „Geld ist viel dreckiger als gedacht“.

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Darin stand auch, dass Geldscheine aus Polymeren für Krankheitserreger keinen so geeigneten Nährboden wie Papierscheine bieten.

Und da kam mir die Idee, den Plastikmüll dieser Welt für Geldscheine zu recyceln. Geldscheine wehen nämlich nicht in die Weltmeere und verunreinigen unsere Umwelt. Sie zersetzen sich auch nicht zu Mikroplastik, der in die Organismen von Menschen und Tieren gelangt. Denn auf das Geld passen die Menschen viel besser auf, als auf die Umwelt!

 

Rochade: Plastik gegen Krankheitserreger

Heute las ich einen Beitrag über eine groß angelegte Untersuchung von Bakterien und Krankheitserregern auf Geldscheinen auf welt.de: „Geld ist viel dreckiger als gedacht“.

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Darin stand auch, dass Geldscheine aus Polymeren für Krankheitserreger keinen so geeigneten Nährboden wie Papierscheine bieten.

Und da kam mir die Idee, den Plastikmüll dieser Welt für Geldscheine zu recyceln. Geldscheine wehen nämlich nicht in die Weltmeere und verunreinigen unsere Umwelt. Sie zersetzen sich auch nicht zu Mikroplastik, der in die Organismen von Menschen und Tieren gelangt. Denn auf das Geld passen die Menschen viel besser auf, als auf die Umwelt!

 

Der Lohn der Reparatur

Was gibt es uns Menschen, wenn wir Dinge reparieren und sie nicht achtlos wegwerfen? In seinem Buch „Die Kultur der Reparatur“ macht sich Wolfgang M. Heckl eine ganze Reihe von Gedanken. Im vorletzten Kapitel dieses bemerkenswerten Buchs, über das ich schon einige Blogbeiträge schrieb, setzt er sich mit den Motivationsfaktoren auseinander, die sich beim Reparieren einstellen:

imageGemeinschaft: zwei Augen sehen viel, vier sehen mehr und viele Augen fast alles! Das ist meine Erfahrung im Beruf. Nicht umsonst gibt es so etwas wie Schwarmintelligenz. Denken wir nur an Wikipedia: kaum ist ein Begriff angelegt und definiert, wird er schon von anderen Benutzern erweitert, revidiert, erneuert und angepasst. Dadurch kommt Wikipedia mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit auf „iterative“ Art und Weise qualitativ an das Niveau von gestandenen Enzyklopädien heran, an denen Heerscharen von Historikern jahrelang arbeiten. Heckl betont ganz besonders, dass Wissen aus Büchern zwar wertvoll ist, jedoch nicht über die Erfahrung des Teilens von Fertigkeiten und Wissen in einer Gruppe hinausgeht.

imageKreativität: „Reparieren ist ein tatkräftiges Eingreifen, es ist das kreative Beenden von Fehlzuständen, ein Suchen nach Alternativen.“ Wer ohne Reparaturanleitung arbeiten und bei erfolgloser Suche nach Ersatzteilen improvisieren muss, wird zwangsläufig kreativ werden müssen. Vorsichtig tastend nähert man sich der erfolgversprechenden Lösung eines Problems an und lernt dabei unheimlich viel.  Das gilt nicht nur für einen selber, sondern für alle Beteiligten! Vor allem Kinder und Jugendliche können hieraus einen großen Nutzen für ihr weiteres Leben ziehen.

imageAutonomie: ein Problem zu analysieren, den Fehler zu erkennen, geeignete Strategien zum Beheben des Fehlers zu entwickeln, zur Tat zu schreiben und dann Erfolg zu haben: das beflügelt. Es gibt uns das Gefühl, keine Konsumsklaven, sondern autonome Menschen zu sein!

imageHingabe, Sorgfalt und Erfolg: Die Medienerziehung in den Schulen ersetzt zunehmend den Handarbeits- und Werkunterricht. Medienerziehung ist wichtig, doch ist eine Erziehung zur Selbständigkeit weit mehr als der einseitige Umgang mit technischen Kommunikationsmitteln. Dazu schreibt Heckl: „Das Bewusstsein nimmt zu, dass mit dem (weniger werdenden) erlernten Herstellen mit eigenen Händen ein spezifischer pädagogischer Wert verloren gegangen ist.“ Und weiter: „der Computer ist dagegen Ausdruck einer Wissenswelt, einer Wissensarbeit. Zwar mache ich etwas Manuelles, wenn ich Tasten drücke oder mit der Maus klicke, aber damit hat es sich dann auch schon. Alles andere spielt sich im Virtuellen ab.“ Er spricht sich klar dafür aus, dass Geistes- und Handarbeit als zwei Seiten einer Medaille begriffen werden sollten.

imageBauklötze statt Bildschirme: Ein Appell geht an die Eltern, Kindern die Möglichkeit zu geben, an Werkbänken zu arbeiten, sie in Handarbeiten einzuführen, ihnen vorzuleben, dass man nicht alles neu kaufen muss, sondern reparieren kann. Lego fördert die handwerkliche Kreativität, doch leider setzt man inzwischen viel zu stark auf Fertigbauten, z.B. Space Shuttles oder Schiffe mit vielen Kleinstteilen. Wir hatten als Kinder eine große Kiste mit Bausteinen und einigen Spezialteilen, das war’s. Damit haben wir die tollsten Sachen gebaut! Die Space Shuttles unserer nun erwachsenen Kinder hingegen lagern halb zusammengebaut im Keller, weil einige Kleinstteilchen nicht mehr auffindbar sind. Ich habe mit der Strickliesel als Kind endlose bunte Bandwürmer gestrickt, die kein Mensch brauchte, aber egal – es hat einfach Spaß gemacht! Bau- und Experimentierkästen können verborgene Talente wecken (oder auch nicht – bei unseren Jungs weckte dies beispielsweise keine Leidenschaft, weil ihre Interessen anders liegen – aber wir haben es wenigstens probiert!). Auch können Besuche in Museen, die den handwerklichen Tätigkeiten gewidmet sind, Augen öffnen, Saiten zum Schwingen bringen.

imageKonzentration: „Reparatur ist ein Kreislauf von Analyse, Strategie, Implementierung und Erfolgserlebnis. Dies ist eine Art Wertschöpfungskette. Das analytische Denken muss man üben“, schreibt Heckl. Die Mediengeneration lernt schnell zu sein, aber nicht gründlich. Jugendlichen fällt es schwer, sich über einen längeren Zeitraum mit einem Thema zu beschäftigen und sich zu konzentrieren. Zu sehr sind sie gewohnt, Informationen häppchenweise präsentiert zu bekommen. Das Reparieren kann ein guter Weg sein, Konzentration, Durchhaltevermögen und Bewältigungsstrategien zu üben.

imageAuf den Schultern von Giganten: wer regelmäßig repariert, bekommt das Ende eines Wollknäuels in die Hand: in den Jahrtausenden vor uns haben schon viele schlaue Menschen über vieles nachgedacht. In einer Kultur der Reparatur öffnet sich eine Tür hin zu altem, aber bei weitem nicht veraltetem Wissen. Es lässt sich ein Brückenschlag zu aktuell in der Schule Erlerntem herstellen und es hilft, die eigenen Reparaturprojekte in ein großes Ganzes einzuordnen.

imageGlück: Dass das eigene „Anpacken“ biochemische Reaktionen im Hirn auslöst ist fantastisch, finde ich. „Wer repariert, macht vor allem, aber nicht nur im Erfolgsfall positive Erfahrungen, die sich in unser Gehirn einschreiben. Es werden chemische Stoffe ausgeschüttet, Botenstoffe, winzige Moleküle, die von einer Nervenzelle zur nächsten übergehen und somit Informationen weitergeben.“  Der Botenstoff, der freigesetzt wird, heißt Dopamin. Es ist ein Erreger, ein Motivator und ein Stimulator für den Körper, der zu einer höheren Begeisterung, Wachsamkeit und zu verstärkter Sensibilität führt. Durch Dopamin sind wir voll bei der Sache, optimistisch, voller Selbstvertrauen und gespannter Erwartung. Weil sich das gut anfühlt, möchte man es wiederholen. „Euphorie auslösende Reparaturerfahrung führt dazu, dass sich die positiven Eindrücke im Menschen verstärken.“

Mit diesem letzten Punkt endet das Kapitel und ich bin – natürlich mit einem Augenzwinkern! – versucht zu sagen: Leute, lasst und das „Reparatur-Doping“ einführen… Ganz ohne Risiken und Nebenwirkungen!!!

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The world in our hands

Meine Serie des Buches „Die Kultur der Reparatur“ von Wolfgang M. Heckl geht weiter! Diesmal: „The world in your hands: Packen wir’s an!“. Es ist das vierte Kapitel dieses bemerkenswerten Buchs, über das ich bereits mehrere Beiträge schrieb.

World in your handsDie Protagonisten der neuen Bewegung der Reparatur sind nicht nur ältere Reparaturfreaks. Das zeigt sich am Retro-Trend, beispielsweise bei der Rückbesinnung auf die Klangqualität von Vinylplatten. Es zeigt sich aber auch an den Youtube-Tutorials, das sind Videos, die aufzeigen, wie man jedes erdenkliche Gerät, Kleidungsstück oder sonstiges Ding reparieren kann. Auch das Entstehen von Repair Cafés oder die Bewegung der „Shared Economy“, bei der das Prinzip des Teilens im Vordergrund steht, sind die sichtbaren Vorboten dieser Bewegung. Nicht mehr Eigentümer zu sein, sondern Besitzer für eine gewisse Zeit, wird attraktiver. Beispiel Car Sharing, Couchsurfing, Tauschbörsen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIm Unterkapitel „Achtsamkeit und andere Soft Skills der Reparatur“ hat mir vor allem der einleitende Satz gefallen: „Die Kultur der Reparatur basiert auf Kenntnissen, auf Können, auf analytischem Denken, aber auch auf Lebensklugheit, auf Wertschätzung und, vor allem, Achtsamkeit.“ Achtsam ist, wer Geräte wartet und pflegt, beispielsweise Waschmaschinen. Mit einer sorgfältigen Entkalkung bleiben sie länger einsatzfähig und brauchen ganz nebenbei auch weniger Strom. Wenn die Heizstäbe verkalkt sind, benötigen sie mehr Energie, um auf die Temperatur zu kommen, die für den Waschgang eingestellt wurde. Bei Flugzeugen erfolgt die Wartung zur Prävention von Schaden, schließlich geht es bei fehlender Achtsamkeit um Leben und Tod. Heckl schreibt dazu: „Sorgfältige Untersuchungs- und Reparaturpläne in regelmäßigen Wartungszyklen sind also ein kluges Prinzip, um Schlimmstes zu verhindern, um das Risiko eines Schadens so weit wie irgend möglich zu reduzieren.“

Achtsamkeit2kl.Wer etwas von A bis Z ausführen kann, ist den Dingen weniger entfremdet, was unsere Autonomie und das Selbstvertrauen stärkt. Die Mechanik wird jedoch immer stärker von Sensorik verdrängt, die die Dinge für uns erledigt: vor allem die berührungslosen Dinge wie Wasserhähne mit Sensoren, Seifenspender, Handtrockner, Türen, Ampeln. Klar, das mag hygienischer sein, aber auch ich finde es viel schöner, wenn ich bei einer Handtuchrollen-Maschine so viel Handtuch herausziehen kann, wie ich selber meine zu brauchen. Ein Sensor gibt kein Feedback wie es ein Knopf tut. Aktion und Reaktion sind nicht spürbar. Auch ich gehöre noch zu den Menschen, denen das „Klick“-Geräusch gefällt. Ich mag mich nicht zu sehr von Sensoren bevormunden lassen.

AmpelmännchenWarum hat der iPad so einen riesigen Erfolg? Weil man wischen und rütteln, drehen und tasten, zoomen und tippen, greifen und scrollen kann. Genau genommen ist bei den iPads die Mechanik nur vorgetäuscht, denn „die mechanische Bewegung der Finger wird ja über elektrosensorische Elemente aufgenommen und löst nicht mehr die […] mechanischen Antworten aus. Aber die Wirkung erscheint natürlich.“ Und weiter: „Die Entwicklung unserer Hände zu komplexen Tast- und Greifwerkzeugen war eine wesentliche Voraussetzung für die Menschwerdung.“

Neben der Entfremdung von Dingen und der Bevormundung durch Sensorik gibt es laut Heckl noch einen dritten Aspekt, der beim Verzicht auf die Mechanik eintritt: den Verlust der unmittelbaren Erfahrung. Denn das Erschaffen von etwas setzt einen in direkte Beziehung dazu. Das gilt seiner Meinung nach nicht nur für das Reparieren, sondern auch für das Gärtnern, die Bearbeitung von Holz, von Textilien usw. Man könnte sich fragen, warum es so wichtig ist, etwas von A bis Z zu verstehen. Die Antwort: Um das umfassende Verständnis für Stoffkreisläufe zurückzugewinnen.

StoffkreislaufUnser Wohlstand wäre ohne technischen Fortschritt viel geringer. Wir würden heute noch schwerste körperliche Arbeit verrichten. Wir könnten uns ohne die Errungenschaften der digitalen Welt niemals weltumspannend vernetzen. „Dennoch ist das Handwerk durch nichts zu ersetzen: weil es an der Basis steht und sich elementarer Lebensbedürfnisse annimmt. Darüber hinaus bildet es eine unabdingbare Voraussetzung zur Weiterentwicklung und Anwendung von Naturerkenntnis. Dazu gehören nicht nur die physikalischen Grundprinzipien von Arbeit, Leistung, Energieumwandlung und -erhaltung, die ja bei jeder Maschine eine entscheidende Rolle spielen. […] Zum Handwerk gehört selbstverständlich auch die Auseinandersetzung mit Materialien, ihren physikalischen und chemischen Eigenschaften.“ Ein wahrhaft überzeugendes Plädoyer für das Handwerk, denke ich, während ich diese Sätze lese.

Ein abschließender kluger Gedanke dazu, wie sehr uns die Reparatur ganzheitlich fordert: Das Beispiel des Motorrads. Wenn es nicht anspringt, hören die Ohren, was nicht rund klingt oder die Nase riecht, wenn etwas am Auspuff nicht stimmt, die Augen analysieren, wo der Fehler liegen könnte, der Tastsinn wird für die Reparatur eingesetzt.

5 Sinne mit RahmenIn meinem nächsten Beitrag wird es praktischer: die neun Aktionspunkte von Heckl auf der „Road to Repairing – Step by Step“.

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Unser tägliches Zeug gib uns heute…

Diese Woche möchte ich ein Buch empfehlen: „The story of stuff“ (die Geschichte vom Zeugs) von Annie Leonard. Wer lesefaul ist, kann sich auf der Website „The story of stuff“ einige gute 20-Minuten-Beiträge mit der Autorin selbst ansehen.

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Es gibt die Story of…

  • Stuff (Zeug)
  • Solutions (Lösungen)
  • Bottled water (Trinkwasser)
  • Cosmetics (Kosmetik)
  • Electronics (Elektronik)
  • Change (Veränderung)

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Das erste Video The story of stuff zeigt auf, dass die vermeintlich lineare Prozesskette vom Abbau der Rohstoffe über die Produktion, die Verteilung, den Konsum und die Wiederverwertung gar nicht so simpel ist. Sie ist eher wie ein Wolf im Schafspelz. Mir hat das schon etwas ältere, aber immer noch hochaktuelle Video (2007) gut gefallen, weil es informativ, gut recherchiert und toll gemacht ist.

20 gut investierte Minuten!

Originalversion in Englisch

Übersetzte Version in Deutsch

Geplante Obsoleszenz – eingebaute Schwachstellen in Geräten

Aus dem Kapitel „Die Anatomie der Wegwerfgesellschaft“ des Buchs „Die Kultur der Reparatur von Wolfgang E. Heckl, über das ich auch schon in meinen letzten Beiträgen schrieb (erster und zweiter Beitrag), gefielen mir auch einige Fakten, Überlegungen und Zusammenhänge.

Die „geplante Obsoleszenz“ ist ein recht neues Phänomen: in Produkte oder Geräte werden gezielt Schwachstellen eingebaut, die kurz nach Ablauf der Garantiefrist kaputt gehen. Da sich eine Reparatur oft nicht lohnt, soll so der Erwerb eines neuen Produkts oder Geräts angekurbelt werden. Beispiel Drucker. Heckl schreibt dazu „Klar ist jedoch, dass die Industrie ein Interesse daran hat, Produkte so herzustellen, dass ein Optimum an Materialeinsatz, Lebensdauer und Preis erreicht wird. Ihre betriebswirtschaftlich motivierte Strategie hat dabei oft den Nachteil, dass Produkte nicht so lange halten, wie sie eigentlich – gebaut mit langlebigen Bauteilen und nach allen Regeln der Ingenieurskunst – halten könnten.“ Er schreibt, dass der Kauf eines Radiogeräts für seine Eltern noch eine Anschaffung für’s Leben war. Ja, ich erinnere mich daran, dass mein Vater immer sehr gute und qualitativ hochwertige Elektrogeräte kaufte. Seine Stereoanlage durfte niemand anfassen und sie hielt fast ein ganzes Leben! Und ich muss mich auch nicht verstecken: unsere Anlage hält nun auch schon fast 20 Jahre – sie hat aber inzwischen ein paar Macken. Vielleicht sollte ich das Repair-Café probieren!

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Solche Radioapparate standen noch vor zwei bis drei Generationen in den Wohnzimmern

Meiner Meinung nach kann man aber nicht nur den Unternehmen den schwarzen Peter zuschieben, die sich nicht sonderlich bemühen, Schwachstellen von vorne herein zu vermeiden. Schon immer gab es findige Händler und schlaue Prodzenten, die versuchten, den Verkauf anzukurbeln und neue Begehrlichkeiten zu schaffen. It takes two to tango… Wir Konsumenten spielen eine zentrale Rolle. Aber erst in jüngerer Zeit entsteht dabei so viel Müll wie heute. In diesem Zusammenhang las ich einen Gedanken dazu in Heckl’s tollem Buch, über den ich noch gar nicht so recht nachgedacht hatte: Es gibt auch eine „funktionelle Obsoleszenz“. Sie tritt immer dann auf, wenn ein Gerät weiterentwickelt wurde und der technische Fortschritt das Gerät oder Produkt optimiert. Habe ich mir nicht kürzlich einen ultraleichten Laptop geleistet, auf dem ich jetzt diesen Blog schreibe? Der ein Tablet und Laptop in einem ist? Mit dem ich gemütlich auf dem Sofa im Wohnzimmer sitzen kann, die Füsse hochgelegt? Natürlich mit einer kabellosen Maus, damit ich nicht so ein Kabelwirrwarr habe? Dabei ist der PC im Büro einen Stock höher doch noch sehr leistungsfähig und gut… Ich muss mich selber an der Nase fassen.

Einige Software ist so ausgerichtet, dass sie bei einem neuen Softwarepaket eine neue Hardware verlangt. Gerade Software sprengt die Grenzen des „höher, weiter, schneller“, indem immer mehr Funktionalität zu den Programmen hinzugefügt wird. Das braucht Arbeitsspeicher und Festplattenpower. Man solle als Konsument daher auf die Aufwärtskompatibilität achten, so Heckl. Und dann kommt er zur „psychologischen Obsoleszenz“: Konsumenten folgen auch modischen Bedürfnissen, beispielsweise bei Kleidung, Möbeln oder auch Geräte, die ein besonderes Design haben und Kult sind (mir kommen sofort die langen Schlangen von den Apple Stores in den Sinn, wenn ein neuer iPad oder das ultraneue iPhone herauskommt).

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Ein Ärgernis sind Feinstrumpfhosen und -strümpfe. Das Gewebe ist mechanisch einfach nicht stabil genug und andauernd kann man wieder Strümpfe mit Laufmaschen wegwerfen. Ein Gedanke dazu: „Wir müssen uns, wollen wir das ändern, fragen, ob wir als Kunde bereit sind, mehr zu bezahlen. Denn viel hängt von den Materialien ab, bei denen meistens gilt: je teurer, desto haltbarer“. Ich habe mir vorgenommen zu recherchieren, welche Feinstrümpfe am aller-aller-allerhaltbarsten sind und werde mir diesen Punkt zu Herzen nehmen!

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Die Folgen für die Umwelt sind gravierend. Ökologisch gesehen sind langlebige Produkte wesentlich besser. Ob es aber wirklich so ist, dass der Verbraucher es in der Hand hat, diesen Trend zu setzen und wir irgendwann einmal dahin kommen, dass es neben dem Energieeffizienzklasse-Label auch eine Plakette für Langlebigkeitsklassen auf den Geräten gibt? Da bin ich persönlich dann doch eher pessimistisch. Eine gute Idee hingegen fände ich hingegen die Einführung einer Abgabe für kurzlebige Produkte für technisch oder manuell hergestellte Waren. Oder eine Staffelung der vorgezogenen Recyclinggebühr, die für langlebige Produkte niedriger und für kurzlebige höher sein müsste. Und auf Werbung mit Langlebigkeitsargumenten würden sicher viele Konsumenten aufmerksam werden!

Ein lesenswerter Artikel der Journalistin Susanne Wolf zu dem Thema findet sich hier.