Trial and Error – Probieren geht über Studieren!

20161026_104101Built to last? Mitnichten! Dieses schöne Armband hatte ich unter anderem erstanden, weil es auf Metalldrähte aufgereiht und mit einem Magnetverschluss versehen ist. Prima, dachte ich, das sieht stabil aus und wird nicht so schnell kaputt gehen.

Umso grösser war die Enttäuschung, als sich ein Metalldraht löste und alle Scheiben, Perlen und Anhänger zu Boden gingen. Mein erster Gang war der zum Laden, um um eine Reparatur zu bitten. Mitleidiger Blick. „Tut uns leid. Wir kreieren den Modeschmuck nicht selbst, sondern bestellen ihn. Da können wir leider nicht weiterhelfen.“ Hätte ich mir ja denken können. Von einer Kultur der Reparatur sind wir noch meilenweit entfernt.

Also selber reparieren! Plan A war, die losen Teile auf einen elastischen20161026_104117 Faden aufzureihen, diesen zu verknoten und damit ein separates Armband zu haben. Ich würde es einzeln oder auch zu den verbleibenden beiden Reifen mit dem Magnetverschluss tragen können. Zugegeben, das war schon eher die pragmatische Lösung, aus der Not eine Tugend zu machen. Aber durchaus praktikabel, wie ich dachte. Gesagt, getan. Vorsichtshalber — oder sagen wir lieber glücklicherweise! — schnitt ich den leeren Metalldraht vom Armband noch nicht ab. Denn das Aufreihen entpuppte sich als elende Fummelarbeit, da das textile Ende des elastischen Bands immer wieder fadenartig ausfranste und sich die Scheiben und Perlen gar nicht gut aufreihen liessen.

Einen elastischen Nylonfaden hatte ich nicht. Sollte ich die Reparaturarbeit beiseite legen und erst einen Nylonfaden kaufen? Nein! Heftiger Protest in mir. Nun sitzt Du schon dran, zieh das jetzt durch! Sonst wird das am Sankt Nimmerleinstag (also nie) fertig. 20161026_120806

Plan B war schnell zur Hand. Ich holte Sekundenkleber. Wieder ärgerte ich mich: Ich hatte extra die Mini-Variante der Sekundenkleber Tuben gekauft, weil die grösseren Tuben immer  viel zu schnell austrocknen. Ich versuchte, die erst einmal benutzte Mini-Tube zu öffnen. Fehlanzeige! Die Klebetülle war so fest mit dem Deckel verklebt, dass ich beim Aufdrehen Kraft anwenden musste. Mit dem Resultat, dass die Tülle samt Deckel abbrach. Fast lief mir der Sekundenkleber über die Finger. Mir war sofort klar, dass nur noch ein Klebevorgang möglich sein würde, da die Tube nicht mehr verschliessbar war. Was für eine Verschwendung! Die restliche Klebe würde unbrauchbar werden. Metalltube, Plastik, Restkleber — alles Ressourcen für den Müll. Ich bin überzeugt, die Klebeindustrie könnte das Problem lösen. Aber dann würden sie deutlich weniger Sekundenkleber verkaufen. Geld regiert die (Um)welt!

Ich zog also die losen Teile auf den Metalldraht des Armbands auf, 20161026_123117 benetzte das Ende des Metalldrahts sorgfältig von allen Seiten und brachte den Klebstoff auch in den äusseren Metallverschluss ein, in den auch die anderen beiden Drähte mündeten. Jetzt nur aufpassen, dass das Zeug nicht an die Finger kommt! Vorsichtig steckte ich die Teile wieder zusammen und drückte es eine Weile fest, dann fixierte ich das Armband zum Trocknen und benutze es seither wieder mit grosser Freude!

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20161026_122710Die zweite Reparatur war deutlich einfacher: mein Sohn hatte ein Steinarmband, das ihm kaputtgegangen war. Neu auf den elastische Faden aufgereiht, einen Dreifachknoten rein, fertig! Schnelle Sache. Es blieb sogar noch Zeit, einen kleinen Kartengruss (Zweitverwertung eines Kalenderbilds und eines Geschenkbands) an das reparierte Armband anzubringen und es ihm auf sein Kopfkissen zu legen. Gross war die Freude, als er es beim nächsten Besuch daheim fand. Aber wahrscheinlich habe ich mich noch viel mehr gefreut als er! Erstens über seine Freude, zweitens, weil es mir einmal mehr gutgetan hat, die Arbeit anderer Menschen zu ehren, indem ich die Dinge repariere und drittens, weil ich dabei ganz nebenbei Ressourcen schone und die Lebensdauer der Dinge verlängern kann.

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Taste the waste und die Frage der kritischen Masse

„Die geplante Obsoleszenz ist schon problematisch genug, noch mehr anzuprangern ist aber das gezielte Wegwerfen noch voll funktionsfähiger Produkte, sei es aus einer individuellen Konsumlaune heraus, sei es über staatliche Programme, wie die Abwrackprämie für ältere Fahrzeuge ohne Katalysator, oder sei es aufgrund von Überproduktion wie insbesondere in der Lebensmittelindustrie.“ Das schreibt Wolfgang M. Heckl in seinem Buch „Die Kultur der Reparatur“, mit dem ich mich in zahlreichen Blogbeiträgen auseinandergesetzt habe. Im letzten Kapitel geht es um Auswege aus der Wachstumsspirale. Hierzu passt auch die Fragestellung, wozu Müll noch gut sein kann. Einige Beiträge dazu schrieb ich schon: die Papiertüten des Fairtrade-Ladens Claro in: Kaffeeblüten-Honig aus Guatemala, eine andere Art des Umgangs mit Müll in: Kunst aus Abfall oder die Verwendung von Müll für Alltagsgegenstände in: Wirfsnichtweg!

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90 Millionen Tonnen Nahrung verschwendet
In Deutschland landen pro Jahr rund elf Millionen Tonnen Lebensmittel auf Müllkippen, in Europa sind es an die 90 Millionen Tonnen. Eine unvorstellbar hohe Zahl! Gemäss einer Studie der Universität Stuttgart im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz aus dem Jahr 2012 bringt es der durchschnittliche Bürger jährlich auf rund 100 kg, schreibt Heckl.

Widerstand regt sich. Die Bewegung der Dumpster und Dumpdiver – zu Deutsch: Mülltauchen oder Containern – sind ein Ausdruck dieses Protests. Sie holen Lebensmittel, die weggeworfen werden, aber noch gut sind. Fundort: Container von Supermärkten, Discountern, Markthallen oder Restaurants. Das Ziel dahinter ist nicht nur, sich aus einer Not heraus zu ernähren, oder damit auf Überproduktion und die Essensvernichtung aufmerksam zu machen, sondern vor allem um das Teilen, das Foodsharing. Gesammelt werden Lebensmittel, die originalverpackt weggeworfen werden, weil das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist, Früchte, die kleine Stellen haben, Produkte, die eingedellte Verpackungen haben und deshalb vom Konsumenten nicht gekauft werden, beispielsweise Dosen mit Dellen. Mülltaucher und Foodsharer sind sehr kreativ, sie stellen die Lebensmittel auf unterschiedlichste Art und Weise zur Verfügung – in ihrem eigenen Kreis, in Stadtteilen oder Städten. Andere kochen daraus leckere Mittagsgerichte, füllen sie in recycelbare Glasbehälter ab und verkaufen sie in der Stadt. Ein Lieferservice – selbstverständlich mit dem Fahrrad – wird dazugeboten. Ein lesenswerter Beitrag findet sich hier: Resteveredelung-Artikel in der Zeitschrift „Horizonte“ Ein Ansatz, den ich auch sehr gut finde sind Lebensmittelgeschäfte, bei denen gar nicht erst so viel Verpackungsmüll und Reste entstehen, weil die Kunden sich die Mengen bedarfsgerecht „zapfen“ können, wie Lunzers Massgriesslerei, vorgestellt vom Blog Widerstandistzweckmässig.

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Lunzers Massgreisslerei. Foto von http://www.widerstandistzweckmässig.wordpress.com

Heckl schreibt dazu: „Nichts verkommen lassen ist also nicht mehr nur Ausspruch der Nachkriegsgeneration, nicht mehr Verzichtsappell aufgrund einer Mangelwirtschaft, sondern ein Appell, in Zeiten einer Überflussgesellschaft moralisch zu handeln, überschüssige Ware Bedürftigen zukommen zu lassen, statt sie wegzuschmeißen.“ In die gleiche Richtung geht der Trend der Gemeindehilfsnetzwerke (z.B. Gemeinwohlökonomie), der Gratisökonomie mit ihren Umsonstläden oder der Tauschbörsen.

Einer für alle, alle für einen
Ich beobachte, dass Hilfsgemeinschaften und Nachbarschaftsnetzwerke im Rahmen der Shared Economy, genossenschaftlich organisierte non-profit Unternehmen und Fair Trade Organisationen, die allesamt nach dem Prinzip „einer für alle, alle für einen“ folgen, immer mehr in Mode kommen! Noch findet die Abkehr von volkswirtschaftlichen Wachstumsmodellen erst im Kleinen statt. Steigt der Leidensdruck aufgrund des Bevölkerungswachstums und der immer knapper und damit teurer werdenden Ressourcen, werden solche Modelle immer mehr Zulauf bekommen. Es ist nur eine Frage der kritischen Masse!

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Die großen Hebel für kleine ökologische Fußabdrücke
Irreparables Design – muss das sein?
The world in our hands
9 Schritte zum erfolgreichen Reparieren
Der Lohn der Reparatur
Aus der Wachstumsspirale ausbrechen

Aus der Wachstumsspirale ausbrechen

Das wunderbare Buch „Die Kultur der Reparatur“, das ich in meinem Blog zusammengefasst habe, neigt sich langsam dem Ende zu. Im letzten großen Kapitel setzt sich der Autor Wolfgang E. Heckl mit den Auswegen aus der Wachstumsspirale unserer Gesellschaft und Volkswirtschaften auseinander.

Seine These: Um aus der Wachstumsspirale auszubrechen, müssen wir aufbrechen, und zwar in die Reparaturgesellschaft.

imageVor über 25 Jahren erschien von der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Brundtland-Bericht zur nachhaltigen Entwicklung. Heckl zitiert aus diesem Bericht: „Voraussetzung für nachhaltiges Handeln ist jedoch auch soziale Gerechtigkeit, denn von Menschen, die Armut und Unterernährung ausgesetzt sind, können nicht dieselben Beiträge zu einer Zukunftsgesellschaft verlangt werden, wie vom gesättigten Westen, dessen Lebensstil angesichts der Begrenztheit der Erde sowieso nicht auf eine wachsende Erdbevölkerung übertragen werden kann. Trotzdem müssen wir Regelungsmechanismen finden, die uns umdenken helfen. Dazu gehörten Marktkräfte genauso wie moralische Aspekte, wie emotionales Marketing und, ganz wichtig, neue Technologien.“ An dieser Stelle möchte ich auf meine Ausführungen in Die großen Hebel für kleine ökologische Fußabdrücke hinweisen – und auf die weiterführenden Kommentare und Diskussion, die sich auf diese Themen hin entwickelt haben. Mich beschäftigt dieses Thema nach wie vor sehr. Ich habe – auch in Heckls Buch – immer noch keine abschließende Antwort auf die Frage gefunden, wie ein Umwelt- und Nachhaltigkeitsbewusstsein bei den Menschen entstehen kann, die sich auf der Bedürfnispyramide von Maslow ganz unten befinden.

Der Bericht ist zwar schon älter, aber vor dem Hintergrund der rasanten Entwicklung einer Konsum- und Wegwerfgesellschaft bei explodierendem Bevölkerungswachstum und gleichzeitig knapper werdenden Ressourcenlage immer noch aktuell. Der Weg zurück zu einer Kultur der Reparatur könnte eine hilfreiche Antwort auf diese Herausforderungen sein. Reparierbarkeit müsste dann zu einer Marktkraft werden und Unternehmen Wettbewerbsvorteile verschaffen. Die Kraft des Marktes bestimmen wir als Konsumenten meiner Meinung nach maßgeblich selber – denn der Markt bildet sich um unsere Nachfrage herum. Heckl schreibt weiterhin, dass ein „Design for Repair“, bei dem die Reparaturfähigkeit eines Produkts wieder wichtig wird, genauso sinnvoll wäre wie eine Preispolitik, die den wahren Wert des Produkts widerspiegeln würde (s. auch meinen Beitrag Unser tägliches Zeug gib‘ uns heute). Der Preis müsste die wahren Kosten beinhalten: den gesamten Ressourcen- und Energieverbrauch, aber auch die Reparatur- und Recyclingkosten, gerechnet auf die Lebensdauer des Produkts (zu diesem Thema lohnt sich das Video aus The story of stuff). Aus Sicht des Autors müsste dies langsam und schrittweise geschehen, denn viele Produkte würden bei so einer Preisbildung unbezahlbar. Als Beispiel wird das Steak genannt: würde man die zur Herstellung nötigen Rohstoffe wie Wasser, Mineralien, Energie und Transportkosten alle konsequent mit einberechnen, wäre der Verkaufspreis viel, viel höher.

PreisschildEin weiterer wichtiger Punkt ist die Weiterentwicklung der Technologie. „Um eines werden wir nicht herumkommen: Wir brauchen die Technologien zur Reparatur, zum Recyceln sowie zum Ausnutzen, Speichern und Verteilen der erneuerbaren Technologien.“ Wie wird es in einem halben Jahrhundert möglich sein, Flugreisen anzutreten? Das Kerosin könnte dann unerschwinglich sein. Heutige Batterien – die besten ihrer Art – sind um Faktor 100 von dem entfernt, was benötigt wurde, um ein Objekt auf der Erde von A nach B zu bringen. Dabei ist noch nicht einmal einberechnet, was es zusätzlich an Energie bräuchte, um die dritte Dimension des Fluges zu gewährleisten, nämlich die Schwerkraft zu überwinden. Neue Mobilitätslösungen und Konzepte sind gefragt!

Aber wie könnten Unternehmen, die global Ressourcen abbauen und verarbeiten zur nachhaltigen Produktion animiert werden? Da gibt es wohl viele Faktoren. Einer davon ist, dass wir als Verbraucher smarter werden. Das Wort „smart“ wird zwar inflationär verwendet, aber Heckl meint damit: „Immer häufiger ist von smarten Geräten die Rede. Telefone nennt man Smartphones, aber es gibt auch Smart Cabrios. Ich ziehe smarte Menschen jedoch smarten Produkten vor oder besser: Smarte Menschen sollten wirklich smarte Produkte herstellen und benutzen, und nicht solche, denen nur das Etikett anhaftet. Eine unüberschaubare Vielzahl von Geräten herzustellen, bei denen wir Konsumenten nicht mehr zwingend zwischen dem, was wichtig, und dem, was unwichtig ist, unterscheiden können ist keine gute Entwicklung.“

kid-smart-lightbulb-brain-600x338Wenn ich das richtig verstehe, geht es auch darum, dass wir uns als Verbraucher bei jedem Ding, das wir in die Hand nehmen, fragen: brauche ich das wirklich? Warum brauche ich es? Kann ich den Bedarf auch anders decken, beispielsweise ohne zusätzliche Ressourcen zu verbrauchen? Mit Existierendem? Aufgehübschtem, Upcyceltem? Mit Verändertem und Angepasstem? Was ich da gerade gelesen habe impliziert einen Menschen, der zwischen den „wirklich smarten“ und den „nur smart genannten“ Produkten unterscheiden kann. Einen Menschen, der informiert und interessiert ist. Der nicht nur nachhaltig denkt, sondern auch bereit ist, danach zu handeln.

Ich schätze den Prozentsatz solcher Menschen in den Wohlstandsgesellschaften als recht niedrig ein. Global gesehen erst recht. Um diesen zu steigern, muss noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden. Handlung, Aktion ist nötig, damit das Bewusstsein wächst und in Bewegung kommt. Jetzt können wir noch agieren. Wenn der Leidensdruck erst einmal so hoch ist, dass wir nur noch reagieren können, wird es vielleicht zu spät sein, das Wort „Nachhaltigkeit“ endlich bis zum Rand mit Inhalt zu füllen.

Der nächster Beitrag des letzten Kapitels: „Taste the waste“ kommt demnächst!

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Der Lohn der Reparatur

 

Vorher – Nachher: Upcycling der Lieblingsbluse

Retrospektive, November 2013
Meine schwarze Bluse mit Nadelstreifenmustern fällt langsam auseinander. Zugegeben, sie hat schon einige Jährchen und unzählige Waschgänge auf dem Buckel. Und das Mischgewebe ist nicht hochwertig. Der Stoff auf der Innenseite der Manschetten hat sich durch das häufige Bügeln einfach aufgelöst, einige Fäden liegen frei. Das liegt sicher auch daran, dass ich die Manschetten gerne lässig nach außen aufkremple. Ich mag es, wenn dadurch die Bluse etwas sportlicher wirkt. Doch nun geht es beim besten Willen nicht mehr, selbst wenn ich die Manschetten nicht umschlage. Die Fäden fallen immer wieder heraus und ich fühle mich nicht mehr wohl.

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Die völlig aufgelöste Manschette meiner Bluse

Dezember 2013
Nach der letzten Wäsche und Bügeln hänge ich die Bluse weg. Zum Wegwerfen ist sie mir zu schade, auch wenn sie kein Glanzstück puncto Stoffqualität ist. Aber genäht wurde sie gut. Kein einziger Knopf fiel bisher ab und die Nähte sind akkurat vernäht und haben alle Waschgänge gut überstanden. Ein paar Mal in diesem Monat vermisse ich mein Kleidungsstück schmerzlich, morgens vor dem Kleiderschrank. Ich trage die Bluse nämlich gerne ins Büro, oder auch zu etwas schickeren Gelegenheiten. Aber jetzt ist sie kaputt…

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Kaputt ist kaputt!

Januar 2014
Mein Entschluss steht fest: Upcycling. Aus alt mach neu! Ich stelle erste Überlegungen an, wie ich das Projekt angehen könnte. Zunächst einmal denke ich darüber nach, was ich gerne mag und stöbere in meinem Kleiderschrank, um mich inspirieren zu lassen. Meine Lieblingsblusen sind meist aus zwei Stoffen gefertigt. Sie haben einen Hauptstoff und in den Innenseiten der Manschetten und im Krageninneren einen anderen Stoff. Dieser Muster- und Farbenmix gefällt mir ausserordentlich. Ich beschliesse, meine Bluse auf diese Weise „aufzupeppen“. Fortan stöbere ich hier und da nach einem passenden Stoff, werde aber nicht fündig. Ich habe einfach zu wenig Zeit und es gibt auch nur noch wenige Läden, die noch Stoffe führen.

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Bildquelle: http://www.amazinggoodwill.com

Februar 2014
Eine ungeplante Reise steht an – nach Kolumbien. Eine Beerdigung, leider. Während ich packe, fällt mir ein, dass es gute Änderungsschneidereien in dem Andenland gibt. Ob ich es versuchen soll? Seit Wochen befasse ich mich nun schon damit, meine Bluse zu reparieren und schaffe es zeitlich einfach nicht. Sollte ich nicht guten Gewissens eine Dienstleistung in Anspruch nehmen? Auch Schneider müssen überleben! Heftiges Nicken in mir. Das lieb gewonnene Stück reist mit. Dort angekommen, zeige ich die Bluse dem Änderungsschneider. Hier haben meine Verwandten schon so mancherlei Kleidungsstück wieder herrichten, ändern oder reparieren lassen. Andrés, so heißt der Schneider, schaut sich den Schaden fachmännisch an und erklärt mir dann, dass er eine so kaputte Manschette nicht reparieren könne. Erst, als ich ihm das Prinzip des Mustermixes am Beispiel der Bluse zeige, die ich gerade trage, geht ihm ein Licht auf. „Klar, das geht natürlich!“ sagt er und lächelt erleichtert. „Haben sie den Stoff mitgebracht?“ Nein, habe ich natürlich nicht… Insgeheim hatte ich gehofft, er habe in seiner Schneiderei passende Stoffreste. Doch er verneint. „Sie müssen einen Stoffladen aufsuchen und dann den Stoff ihrer Wahl mitbringen,“ sagt er. Dazu ist es zu spät, denn ich trete übermorgen schon die Rückreise an. Ich schaffe ich zeitlich nicht mehr. Doch Ostern bin ich wieder in Kolumbien, um den Urlaub hier zu verbringen. Dieser Aufenthalt war schon lange vor dieser außerplanmäßigen Reise gebucht. Bis dahin müsste sich ein geeigneter Stoff finden lassen. Etwas zerknirscht packe ich die Bluse wieder in den Koffer und sie reist wieder in die Schweiz zurück…

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Bildquelle: http://www.itscoop.ch

März 2014
Es ist gar nicht so einfach, ein passendes Muster für den schwarzen Stoff mit den feinen hellgrauen Nadelstreifen zu finden! Abgesehen davon gibt es fast keine Läden für Nähbedarf mehr, die Stoffe am Laufmeter in ihrem Sortiment führen. Sollte es wirklich so sein, dass ich den weiten Weg zu Ikea fahren muss? Das scheint mir dann doch zu viel des Guten… Nach mehreren Anläufen über die Mittagspause nutze ich die Gelegenheit, an einem Samstag in der Stadt zu sein und suche den letzten Nähladen auf, bei dem ich noch eine Chance auf Erfolg wittere. Siehe da, hier gibt es noch Stoff am Laufmeter! Glücklich stürze ich mich ins Vergnügen, um zehn Minuten später enttäuscht und ernüchtert festzustellen, dass mir kein einziges Muster gefällt. Mehr durch Zufall streift mein Blick kurz vor Verlassen des Ladens noch ein paar Stoffballen unter einem Zuschneidetisch. Bingo! Die Verkäuferin zeigt mir den Stoff – das ist genau, was ich brauche. Das Muster: dunkelrosa Pünktchen auf weißem Untergrund. Später werde ich noch erfahren, dass die dunkelrosa Farbe einen ganz anderen Namen hat, aber dazu später… Ich bin jedenfalls sehr erleichtert, dass das Suchen ein Ende hat und lasse mir ein gutes Stück abschneiden.

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April 2014
Zurück in Kolumbien! Diesmal mit dem beschwingten Urlaubsgefühl und einigen Reiseplänen im Gepäck. Und natürlich meiner Bluse – diesmal mit dem passenden Upcycling-Stoff! Andrés erkennt mich sofort wieder und lächelt. „Buenos días!“ grüßt er fröhlich und fragt, wie es mir geht. Ein nettes Gespräch entwickelt sich – und dies ist nur eines von vielen positiven, spontanen und froh stimmenden Gesprächen in Kolumbien. Die Menschen hier verbinden Herzlichkeit mit einer ausgesuchten Freundlichkeit und Höflichkeit! „Calor humano“ – menschliche Wärme, sagt man hier dazu. Ich zeige dem Schneider die Bluse und den Stoff und bitte ihn, neben den Manschetten auch den Innenkragen und die Knopfblende mit dem neuen Pünktchenstoff zu versehen. Und die Knöpfe sollen mit einem dunkelrosa Garn, gleich der Farbe der Punkte auf dem weißen Stoff wieder angenäht werden. „No hay problema, lo haré en fuchsia“, antwortet er. Ja, genau, die Farbe heißt Fuchsia, stimmt! Ich könne die Bluse in einer Woche holen. Perfekt! Ob ich anzahlen würde, bitte? Hierzulande ist es bei Dienstleistungen gang und gäbe, dass Anzahlungen verlangt werden. Nachdem meine Verwandten Andrés schon lange kennen und er vertrauenswürdig ist, zahle ich gleich alles – auch die Reparatur der zweiten Bluse mit einem Riss am unteren Knopfloch und eines Blazers, dessen Futter komplett ersetzt werden muss. Und ich lasse auch noch gleich meinen rot-schwarzen Wollponcho reinigen – im Andenland kann es kühl werden und Bogotá liegt auf 2.600 m…

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Work in progress – der Schneider hat die Knöpfe abgenommen und näht die Knopfleiste fest

Geben sie mir ein Interview?
Seit meiner letzten Reise schwebt mir vor, einen Blog-Beitrag über Andrés zu schreiben. Ich fasse mir ein Herz, bevor ich den Laden verlasse: „Würden sie mir ein Interview für meinen Internet-Blog geben? Ich schreibe über Reparatur und Recycling und einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen.“ Ungläubig sieht er mich an. „Mich interviewen? Oh!“ – er ist wirklich überrascht. Ich bin sicher, dass ihm so etwas noch nie passiert ist. Um den Schreck zu lindern, erkläre ich ihm, dass er als Änderungsschneider mit seiner Arbeit genau das tut, worüber ich schreibe. Und dass deshalb meine Wahl auf ihn gefallen sei. Das kann er gut verstehen und fühlt sich sichtlich geehrt. „Ja gerne!“ sagt er. „Kommen sie nächsten Mittwoch Nachmittag, da ist meine Aushilfe da und ich werde mir für das Interview Zeit nehmen.“

Vorher-Nachher Bilder
Ich finde, das Upcyclingprojekt „made in Colombia“ ist gelungen! Nicht nur konnte die ursprüngliche Arbeit der Erst-Näherin wertgeschätzt werden, sondern auch die Reparaturarbeit des Schneiders in Bogotá. Die Reise dorthin fiel sowieso an, da fiel der weite Weg nicht extra an. Die Zeit im Vorfeld habe ich gerne investiert – wenn sich das ganze Projekt auch über einen langen Zeitraum gezogen hat. Ich bin sehr zufrieden, keine neue Bluse gekauft, sondern eines meiner Lieblingsstücke „gerettet“ zu haben! Und die Fotoreportage findet sich hier: Andrés, der kolumbianische Schneider aus Bogotá.

Upcycling Bluse image

Das Resultat kann sich sehen lassen!

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Der Lohn der Reparatur

Was gibt es uns Menschen, wenn wir Dinge reparieren und sie nicht achtlos wegwerfen? In seinem Buch „Die Kultur der Reparatur“ macht sich Wolfgang M. Heckl eine ganze Reihe von Gedanken. Im vorletzten Kapitel dieses bemerkenswerten Buchs, über das ich schon einige Blogbeiträge schrieb, setzt er sich mit den Motivationsfaktoren auseinander, die sich beim Reparieren einstellen:

imageGemeinschaft: zwei Augen sehen viel, vier sehen mehr und viele Augen fast alles! Das ist meine Erfahrung im Beruf. Nicht umsonst gibt es so etwas wie Schwarmintelligenz. Denken wir nur an Wikipedia: kaum ist ein Begriff angelegt und definiert, wird er schon von anderen Benutzern erweitert, revidiert, erneuert und angepasst. Dadurch kommt Wikipedia mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit auf „iterative“ Art und Weise qualitativ an das Niveau von gestandenen Enzyklopädien heran, an denen Heerscharen von Historikern jahrelang arbeiten. Heckl betont ganz besonders, dass Wissen aus Büchern zwar wertvoll ist, jedoch nicht über die Erfahrung des Teilens von Fertigkeiten und Wissen in einer Gruppe hinausgeht.

imageKreativität: „Reparieren ist ein tatkräftiges Eingreifen, es ist das kreative Beenden von Fehlzuständen, ein Suchen nach Alternativen.“ Wer ohne Reparaturanleitung arbeiten und bei erfolgloser Suche nach Ersatzteilen improvisieren muss, wird zwangsläufig kreativ werden müssen. Vorsichtig tastend nähert man sich der erfolgversprechenden Lösung eines Problems an und lernt dabei unheimlich viel.  Das gilt nicht nur für einen selber, sondern für alle Beteiligten! Vor allem Kinder und Jugendliche können hieraus einen großen Nutzen für ihr weiteres Leben ziehen.

imageAutonomie: ein Problem zu analysieren, den Fehler zu erkennen, geeignete Strategien zum Beheben des Fehlers zu entwickeln, zur Tat zu schreiben und dann Erfolg zu haben: das beflügelt. Es gibt uns das Gefühl, keine Konsumsklaven, sondern autonome Menschen zu sein!

imageHingabe, Sorgfalt und Erfolg: Die Medienerziehung in den Schulen ersetzt zunehmend den Handarbeits- und Werkunterricht. Medienerziehung ist wichtig, doch ist eine Erziehung zur Selbständigkeit weit mehr als der einseitige Umgang mit technischen Kommunikationsmitteln. Dazu schreibt Heckl: „Das Bewusstsein nimmt zu, dass mit dem (weniger werdenden) erlernten Herstellen mit eigenen Händen ein spezifischer pädagogischer Wert verloren gegangen ist.“ Und weiter: „der Computer ist dagegen Ausdruck einer Wissenswelt, einer Wissensarbeit. Zwar mache ich etwas Manuelles, wenn ich Tasten drücke oder mit der Maus klicke, aber damit hat es sich dann auch schon. Alles andere spielt sich im Virtuellen ab.“ Er spricht sich klar dafür aus, dass Geistes- und Handarbeit als zwei Seiten einer Medaille begriffen werden sollten.

imageBauklötze statt Bildschirme: Ein Appell geht an die Eltern, Kindern die Möglichkeit zu geben, an Werkbänken zu arbeiten, sie in Handarbeiten einzuführen, ihnen vorzuleben, dass man nicht alles neu kaufen muss, sondern reparieren kann. Lego fördert die handwerkliche Kreativität, doch leider setzt man inzwischen viel zu stark auf Fertigbauten, z.B. Space Shuttles oder Schiffe mit vielen Kleinstteilen. Wir hatten als Kinder eine große Kiste mit Bausteinen und einigen Spezialteilen, das war’s. Damit haben wir die tollsten Sachen gebaut! Die Space Shuttles unserer nun erwachsenen Kinder hingegen lagern halb zusammengebaut im Keller, weil einige Kleinstteilchen nicht mehr auffindbar sind. Ich habe mit der Strickliesel als Kind endlose bunte Bandwürmer gestrickt, die kein Mensch brauchte, aber egal – es hat einfach Spaß gemacht! Bau- und Experimentierkästen können verborgene Talente wecken (oder auch nicht – bei unseren Jungs weckte dies beispielsweise keine Leidenschaft, weil ihre Interessen anders liegen – aber wir haben es wenigstens probiert!). Auch können Besuche in Museen, die den handwerklichen Tätigkeiten gewidmet sind, Augen öffnen, Saiten zum Schwingen bringen.

imageKonzentration: „Reparatur ist ein Kreislauf von Analyse, Strategie, Implementierung und Erfolgserlebnis. Dies ist eine Art Wertschöpfungskette. Das analytische Denken muss man üben“, schreibt Heckl. Die Mediengeneration lernt schnell zu sein, aber nicht gründlich. Jugendlichen fällt es schwer, sich über einen längeren Zeitraum mit einem Thema zu beschäftigen und sich zu konzentrieren. Zu sehr sind sie gewohnt, Informationen häppchenweise präsentiert zu bekommen. Das Reparieren kann ein guter Weg sein, Konzentration, Durchhaltevermögen und Bewältigungsstrategien zu üben.

imageAuf den Schultern von Giganten: wer regelmäßig repariert, bekommt das Ende eines Wollknäuels in die Hand: in den Jahrtausenden vor uns haben schon viele schlaue Menschen über vieles nachgedacht. In einer Kultur der Reparatur öffnet sich eine Tür hin zu altem, aber bei weitem nicht veraltetem Wissen. Es lässt sich ein Brückenschlag zu aktuell in der Schule Erlerntem herstellen und es hilft, die eigenen Reparaturprojekte in ein großes Ganzes einzuordnen.

imageGlück: Dass das eigene „Anpacken“ biochemische Reaktionen im Hirn auslöst ist fantastisch, finde ich. „Wer repariert, macht vor allem, aber nicht nur im Erfolgsfall positive Erfahrungen, die sich in unser Gehirn einschreiben. Es werden chemische Stoffe ausgeschüttet, Botenstoffe, winzige Moleküle, die von einer Nervenzelle zur nächsten übergehen und somit Informationen weitergeben.“  Der Botenstoff, der freigesetzt wird, heißt Dopamin. Es ist ein Erreger, ein Motivator und ein Stimulator für den Körper, der zu einer höheren Begeisterung, Wachsamkeit und zu verstärkter Sensibilität führt. Durch Dopamin sind wir voll bei der Sache, optimistisch, voller Selbstvertrauen und gespannter Erwartung. Weil sich das gut anfühlt, möchte man es wiederholen. „Euphorie auslösende Reparaturerfahrung führt dazu, dass sich die positiven Eindrücke im Menschen verstärken.“

Mit diesem letzten Punkt endet das Kapitel und ich bin – natürlich mit einem Augenzwinkern! – versucht zu sagen: Leute, lasst und das „Reparatur-Doping“ einführen… Ganz ohne Risiken und Nebenwirkungen!!!

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9 Schritte zum erfolgreichen Reparieren

9 Schritte zum erfolgreichen Reparieren

Nun wird es praktisch! Im Buch „Die Kultur der Reparatur“ von Wolfgang M. Heckl gibt es einen 9-Punkte-Plan, um erfolgreich reparieren zu lernen:

Ein Set vieler verschiedener Werkzeuge

  1. In ein Repair-Café gehen (habe ich noch nicht ausprobiert)
  2. Anschauen, was dort gemacht und angeboten wird und sich Ideen und Anregungen holen, was man handwerklich alles so machen kann. Den Spaß erleben, wenn man mit anderen zusammen tüftelt und bastelt (die Freude, zusammen zu tüfteln und basteln kenne ich gut, aber die Anregungen eines Repair-Cafés habe ich mir noch nicht geholt)
  3. Sorgfältig das erste Projekt wählen: nicht gerade mit einem schwierigen Elektrogerät starten, sondern mit etwas, bei dem es nicht so schlimm ist, wenn die Reparatur schief geht. Ein wackelndes Stuhlbein, eine Kaffeetasse mit abgebrochenem Henkel, einen Pullover mit Mottenlöcher (vernünftige Idee, finde ich)
  4. Auf Youtube schauen, ob es dort ein Video für das eigene Projekt gibt. Es gibt dort sehr viele Reparaturanleitungen (kann ich bestätigen, mein Sohn hat mit Internet-Tutorials sogar Hip-Hop tanzen gelernt)
  5. Einen Platz schaffen, an dem man ungestört und ruhig arbeiten kann. Gut beleuchten, ausreichend Arbeitsfläche schaffen, wo man idealerweise auch ein Zwischenergebnis liegen lassen kann (wichtig!)Nähzeug
  6. Ausreichend Zeit einplanen (das könnte schon eher scheitern bei meinem Fulltime-Job und allem, was sonst noch läuft. Es fällt mir schwer, mir Zeit freizuschaufeln)
  7. Prüfen, welche Werkzeuge und Materialien man braucht. Alles griffbereit hinlegen, bevor man startet. Wenn man ein Youtube Video oder eine Gebrauchsanweisung gefunden hat, die Reparatur im Geiste durchgehen, um sicherzustellen, dass einem nichts fehlt (das mache ich auch so – wobei ich manchmal auch improvisiere. Meist bin ich trotzdem sehr zufrieden mit dem Resultat)
  8. Tagebuch der Reparatur anlegen, das die Fortschritte dokumentiert (dazu wäre ich nicht so motiviert, aber Fotos für meinen Blog machen und danach einen Beitrag schreiben: ja gern!)
  9. Man kann ein Projekt auch mit anderen zusammen angehen, vielleicht mit Nachbarn, guten Freunden. Man könnte einen Reparaturclub gründen, die sich monatlich trifft, jeder bringt mit, was repariert werden muss (darüber muss ich gründlich nachdenken)

Und? Konsumierst Du noch oder reparierst Du schon?

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Meine Serie des Buches „Die Kultur der Reparatur“ von Wolfgang M. Heckl geht weiter! Diesmal: „The world in your hands: Packen wir’s an!“. Es ist das vierte Kapitel dieses bemerkenswerten Buchs, über das ich bereits mehrere Beiträge schrieb.

World in your handsDie Protagonisten der neuen Bewegung der Reparatur sind nicht nur ältere Reparaturfreaks. Das zeigt sich am Retro-Trend, beispielsweise bei der Rückbesinnung auf die Klangqualität von Vinylplatten. Es zeigt sich aber auch an den Youtube-Tutorials, das sind Videos, die aufzeigen, wie man jedes erdenkliche Gerät, Kleidungsstück oder sonstiges Ding reparieren kann. Auch das Entstehen von Repair Cafés oder die Bewegung der „Shared Economy“, bei der das Prinzip des Teilens im Vordergrund steht, sind die sichtbaren Vorboten dieser Bewegung. Nicht mehr Eigentümer zu sein, sondern Besitzer für eine gewisse Zeit, wird attraktiver. Beispiel Car Sharing, Couchsurfing, Tauschbörsen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIm Unterkapitel „Achtsamkeit und andere Soft Skills der Reparatur“ hat mir vor allem der einleitende Satz gefallen: „Die Kultur der Reparatur basiert auf Kenntnissen, auf Können, auf analytischem Denken, aber auch auf Lebensklugheit, auf Wertschätzung und, vor allem, Achtsamkeit.“ Achtsam ist, wer Geräte wartet und pflegt, beispielsweise Waschmaschinen. Mit einer sorgfältigen Entkalkung bleiben sie länger einsatzfähig und brauchen ganz nebenbei auch weniger Strom. Wenn die Heizstäbe verkalkt sind, benötigen sie mehr Energie, um auf die Temperatur zu kommen, die für den Waschgang eingestellt wurde. Bei Flugzeugen erfolgt die Wartung zur Prävention von Schaden, schließlich geht es bei fehlender Achtsamkeit um Leben und Tod. Heckl schreibt dazu: „Sorgfältige Untersuchungs- und Reparaturpläne in regelmäßigen Wartungszyklen sind also ein kluges Prinzip, um Schlimmstes zu verhindern, um das Risiko eines Schadens so weit wie irgend möglich zu reduzieren.“

Achtsamkeit2kl.Wer etwas von A bis Z ausführen kann, ist den Dingen weniger entfremdet, was unsere Autonomie und das Selbstvertrauen stärkt. Die Mechanik wird jedoch immer stärker von Sensorik verdrängt, die die Dinge für uns erledigt: vor allem die berührungslosen Dinge wie Wasserhähne mit Sensoren, Seifenspender, Handtrockner, Türen, Ampeln. Klar, das mag hygienischer sein, aber auch ich finde es viel schöner, wenn ich bei einer Handtuchrollen-Maschine so viel Handtuch herausziehen kann, wie ich selber meine zu brauchen. Ein Sensor gibt kein Feedback wie es ein Knopf tut. Aktion und Reaktion sind nicht spürbar. Auch ich gehöre noch zu den Menschen, denen das „Klick“-Geräusch gefällt. Ich mag mich nicht zu sehr von Sensoren bevormunden lassen.

AmpelmännchenWarum hat der iPad so einen riesigen Erfolg? Weil man wischen und rütteln, drehen und tasten, zoomen und tippen, greifen und scrollen kann. Genau genommen ist bei den iPads die Mechanik nur vorgetäuscht, denn „die mechanische Bewegung der Finger wird ja über elektrosensorische Elemente aufgenommen und löst nicht mehr die […] mechanischen Antworten aus. Aber die Wirkung erscheint natürlich.“ Und weiter: „Die Entwicklung unserer Hände zu komplexen Tast- und Greifwerkzeugen war eine wesentliche Voraussetzung für die Menschwerdung.“

Neben der Entfremdung von Dingen und der Bevormundung durch Sensorik gibt es laut Heckl noch einen dritten Aspekt, der beim Verzicht auf die Mechanik eintritt: den Verlust der unmittelbaren Erfahrung. Denn das Erschaffen von etwas setzt einen in direkte Beziehung dazu. Das gilt seiner Meinung nach nicht nur für das Reparieren, sondern auch für das Gärtnern, die Bearbeitung von Holz, von Textilien usw. Man könnte sich fragen, warum es so wichtig ist, etwas von A bis Z zu verstehen. Die Antwort: Um das umfassende Verständnis für Stoffkreisläufe zurückzugewinnen.

StoffkreislaufUnser Wohlstand wäre ohne technischen Fortschritt viel geringer. Wir würden heute noch schwerste körperliche Arbeit verrichten. Wir könnten uns ohne die Errungenschaften der digitalen Welt niemals weltumspannend vernetzen. „Dennoch ist das Handwerk durch nichts zu ersetzen: weil es an der Basis steht und sich elementarer Lebensbedürfnisse annimmt. Darüber hinaus bildet es eine unabdingbare Voraussetzung zur Weiterentwicklung und Anwendung von Naturerkenntnis. Dazu gehören nicht nur die physikalischen Grundprinzipien von Arbeit, Leistung, Energieumwandlung und -erhaltung, die ja bei jeder Maschine eine entscheidende Rolle spielen. […] Zum Handwerk gehört selbstverständlich auch die Auseinandersetzung mit Materialien, ihren physikalischen und chemischen Eigenschaften.“ Ein wahrhaft überzeugendes Plädoyer für das Handwerk, denke ich, während ich diese Sätze lese.

Ein abschließender kluger Gedanke dazu, wie sehr uns die Reparatur ganzheitlich fordert: Das Beispiel des Motorrads. Wenn es nicht anspringt, hören die Ohren, was nicht rund klingt oder die Nase riecht, wenn etwas am Auspuff nicht stimmt, die Augen analysieren, wo der Fehler liegen könnte, der Tastsinn wird für die Reparatur eingesetzt.

5 Sinne mit RahmenIn meinem nächsten Beitrag wird es praktischer: die neun Aktionspunkte von Heckl auf der „Road to Repairing – Step by Step“.

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Zum Buch „Die Kultur der Reparatur“ von Wolfgang M. Heckl schrieb ich bisher folgende Beiträge:
Die Kultur der Reparatur – Einführung
Arbeitsteilige Fertigung vs. Ganzheitlichkeit
Geplante Obsoleszenz – eingebaute Schwachstellen in Geräten
Die großen Hebel für kleine ökologische Fußabdrücke
Irreparables Design – muss das sein?

Irreparables Design – muss das sein?

Design und Reparierbarkeit müssen nicht unvereinbar sein. Das beweisen ältere Geräte „made for a lifetime and made to last“. Wie übrigens auch Beziehungen, die lange halten!Fix broken thingsUnd doch stehen Design und Reparierbarkeit allzu häufig auf Kriegsfuss und schmieren das Getriebe der Wegwerfgesellschaft. In meinem heutigen Beitrag zum Buch „Die Kultur der Reparatur“ von Wolfgang E. Heckl, geht es um weitere Hindernisse auf dem Weg zu einem achtsameren Umgang mit den Dingen, die uns täglich umgeben. Beispiel elektrische Zahnbürste. Wer so ein Gerät hat, kennt die Situation: der Akku lässt sich nicht mehr aufladen. Unser reparaturerprobte Autor dachte sich: „Wunderbar, da brauche ich das Gerät einfach nur aufzuschrauben, um an den Akku zu gelangen.“ Weit gefehlt! Er hätte die Zahnbürste mit einer elektrischen Säge zersägen müssen, um an den Akku zu kommen. Ein Anruf beim Kundendienst bestätigte: man kann nur die ganze Zahnbürste umtauschen, nicht aber den Akku. Warum sich da nicht mehr Menschen wehren würden, fragte er sich: „Vor meinem geistigen Auge lief eine Demonstration ab, auf der Tausende wild mit ihren Zahnbürsten herumfuchtelnd durch die Innenstadt zogen. In Wirklichkeit haben wir uns alle schon viel zu sehr daran gewöhnt, dass die Lebenszyklen von Produkten kurz sind“, schreibt Heckl. Recht hat er! Und überhaupt… Täglich im Fernsehen sehen wir, dass Demos nur rund um die wirklich wichtigen, umwälzenden Themen geschehen – gegen diktatorische Zustände, Linksregierungen oder Fundamentalismus in der Politik, für Demokratie, Frauen- oder Homosexuellenrechte oder gegen Internet-Zensur. Zugegeben, mit einer elektrischen Zahnbürste (die ich ohnehin nicht besitze) fuchtelnd zu demonstrieren käme ich mir schon etwas lächerlich vor, aber die Bewegung gegen nicht reparierbares Design dürfte sich ruhig deutlicher manifestieren, als sie es jetzt tut!

Immerhin: es gibt Tüftler, die kriegen den Akkuwechsel hin, aber ein „benutzerfreundlicher Austausch der Akkus“ ist das nicht, zu sehen im Youtube: Tutorial zum Wechsel von Akkus.

Ähnliche Schwierigkeiten wie bei der Zahnbürste ortet Heckl auch bei Tintenstrahldruckern (oh ja!), Staubsaugern oder Autoscheinwerfern, bei denen man keine Glühbirne mehr selbst auswechseln kann. In meinem Beitrag „Nein, ich will meinen Staubsauger nicht wegwerfen“, Teil I und Teil II geht es genau um dieses Phänomen. Das Problem ist, dass die Industrie Schrauben & Co mehr und mehr verbirgt oder in grössere Gehäuse verpackt, verklebt oder veschweiβt, so dass wir kaum mehr auf die Idee kommen können, welche Funktionalität Schrauben, Klammern oder Steckmechanismen überhaupt haben könnten. Wir werden zur Passivität erzogen. Es ist, als rufe die Industrie: „Konsumenten dieser Welt, wir helfen Euch dabei, die Augen zu verschlieβen, das Ding wegzuwerfen und ein neues zu kaufen!“ Und das schlimmste an diesem Appell ist, dass wir nur allzu oft dabei mitmachen (müssen). Konnte ich meinen Staubsauger vollumfänglich instand setzen? Nein – den Fuss musste ich komplett entsorgen, obwohl nur der Kippschalter defekt war. Irreparabel. Ist es möglich, in einer elektrischen Zahnbürste nur den Akku zu ersetzen? Selten. Kann man einen Automotor eines neueren Automodells reparieren, ohne ein Fehlerauslesegerät zu haben? Nochmal nein. Herrgott, ist die Welt kompliziert geworden – und alles nur, damit wir mehr und mehr konsumieren und fortlaufend mehr Müll produzieren?

Im nächsten Beitrag gibt es einen kleinen Exkurs zu diesem Thema, bevor es zurück zu „Die Kultur der Reparatur“ geht.

Die Kultur der Reparatur – zweiter Beitrag

Den Verlust der elementaren Fähigkeit der Reparatur führt der Autor des Buchs „Die Kultur der Reparatur“, Wolfgang M. Heckl, unter anderem auf die hohe arbeitsteilige Atomisierung in unseren Produktions- und Wirtschaftsprozessen zurück. „Es geht mir nicht darum, Flieβbandtätigkeiten oder die arbeitsteilige Produktionsweise abzulehnen. Aber manche Übertreibung hat eben auch negative Konsequenzen. Das Spezialistentum treibt unbestritten seltsame Blüten, auch in unserer heutigen Informationsgesellschaft. So hat die Entwicklung hin zu immer mehr Bürokratie auch darin eine ihrer Ursachen, dass immer mehr Spezialisten kleinteilig über immer detailliertere Vorgaben, Verordnungen, Vorschriften usw. wachen und zudem immer neue erfinden.“

Da kommt mir doch gleich ein älteres Lied von Reinhard Mey in den Sinn…

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Lieber Herr Mey, falls Sie das hier sehen, entschuldige ich mich schon jetzt dafür, dass ich keinen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars zur Bestätigung des Copyrights und Durchschriftexemplars eingeholt habe!

Der „Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars“.
Hört mal rein: Song von Reinhard Mey – immer noch hochaktuell!

Heckl schreibt weiter, dass es wichtig sei, dass es Spezialisten gibt. Doch darüber hinaus sollte es mehr Menschen geben, die Stoffkreisläufe verstehen und das Entstehen und Vergehen von Dingen einordnen können. In den früheren handwerklichen Gesellschaften war das schon aus Überlebensgründen zentral und daher selbstverständlich. Das Beispiel mit den Eskimos, die von ihren Fängen alles verwerten und nichts wegschmeiβen zeigt dies auf. Während ich das mit den Eskimos lese, fallen mir ganz viele andere Beispiele ein, meist sind es Naturvölker, die noch im Einklang mit der Natur leben, wenn man sie lässt.

An dieser Stelle frage ich mich, wie man es hinkriegen könnte, dass dieses ganzheitliche Verständnis wieder wächst, sich breiter verankert? Nur durch „ein Verständnis für die haptischen, mechanischen und auch elektrischen Vorgänge eines Gegenstands, eines Geräts“? Wie kann die elementare Fähigkeit der Reparatur so gefördert werden, dass aus der Kultur der Reparatur eine Bewegung wird, die gleich einer riesigen Welle die Wegwerfgesellschaft überrollt und alles verändert? Schwierig… Ich bin gespannt auf die weiteren Ansätze des Buchs. Dies war die Fortsetzung von Die Kultur der Reparatur, erster Beitrag. Mehr dazu ganz bald!

Die Kultur der Reparatur

Heute möchte ich Euch von einem Buch berichten, das ich kürzlich gelesen habe. Es heiβt „Die Kultur der Reparatur“ und wurde von Wolfgang M. Heckl verfasst. Ich werde in ein paar Blog-Beiträgen die Aussagen und Informationen zusammenfassen, die mir besonders gut gefallen haben.

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Carl Hanser Verlag München, 2013, ISBN 978-3-446-43678-7

Das „Plädoyer für eine Kultur der Reparatur“ beginnt mit einem Zitat von Wilhelm Busch, „Glück entsteht oft durch Aufmerksamkeit in kleinen Dingen“. Wie wahr! Der Autor beginnt mit der Historie der Repair-Bewegung, deren Mitstreiter die Kleidung auf“pimpen“ und sich in Repair Cafés treffen. Das erste Repair-Café wurde in den Niederlanden gegründet, im Jahre 2009. Eine Journalistin, die sich gegen die Überfluss- und Wegwerfgesellschaft auflehnte, in der niemand mehr richtig fähig ist, Dinge zu reparieren, legte den Grundstein für Cafés, in denen Menschen zusammenkommen, um Dinge zu reparieren. Ehrenamtlich und unentgeltlich. Es folgten holländische Designer, die ein „Repair Manifesto“ verfassten und dazu aufriefen, kein Sklave der Technologie zu sein und sich von der Industrie nicht zum bequemen Konsumenten erziehen zu lassen.

Heckl schreibt, dass er Bildung nicht allein als eine Bildung des Kopfes betrachte. Vielmehr verlaufe das Lernen nur dann optimal, wenn man sich auch praktisch, vor allem manuell, betätige. Weiter lese ich (und das gefällt mir so gut, dass ich es zitiere): „Das Reparieren, sich selbst zu helfen, ist eine sinnstiftende Tätigkeit. Es ist gelebte Nachhaltigkeit, bedeutet die Übernahme von Verantwortung, verbindet mich sinnvoll mit dem, was mich umgibt, und zwingt zum genauen Schauen, Erleben und Entdecken. Die Reparatur fordert mein Verständnis der Funktion von Dingen und damit auch die Wertschätzung gegenüber denen, die sich das Werkstück oder Gerät ausgedacht, die es erfunden und auch hergestellt haben. Des Weiteren gewinnt jeder, der reparieren und/oder etwas herstellen kann, an Autonomie.“

Der nächste kluge Gedanke in seinem Plädoyer der ersten Seiten ist, dass die Kultur der Reparatur auch dazu beitragen kann, die gröβer werdende Lücke zwischen den Generationen zu schlieβen. Hier spricht er einen ganz wichtigen Punkt an: es gibt sehr viel brachliegendes Potenzial in unseren (europäischen, aber nicht nur diesen) Gesellschaften. Wie viele ältere Menschen haben so viel Wissen und Fertigkeiten, die von der Gesellschaft nicht mehr eingefordert und wertgeschätzt werden (ich kann ein Lied davon singen, wie die ältere Generation systematisch bei Firmenumstrukturierungen ausgemustert und in die Frührente geschickt werden)! Dabei wäre das Zusammenführen der Generationen gerade in Zeiten des demographischen Wandels zentral.

Ein weiterer Grund für eine gesunde Kultur der Reparatur: die Endlichkeit der Ressourcen. Darüber muss ich wohl gar nichts schreiben, das wissen wir alle. Nicht erst seit gestern… Spannend fand ich aber diesbezüglich die Überlegung, dass wir in Kreisläufen denken lernen müssen, so wie beim Recycling. Für eine Kreislaufwirtschaft braucht es technologischen Erfindergeist und einen intelligenten Verbraucher, der bereit ist, für langlebigere und reparierbare Produkte einen Aufpreis zu zahlen – eben weil er in Kreisläufen denken kann.

Nach der Lektüre des ersten Kapitels wusste ich: dieses Buch lege ich nicht zur Seite! In meinem nächsten Beitrag gehe ich auf die Ausführungen zum Verlust elementarer Fähigkeiten ein, die einer Kultur der Reparatur im Wege stehen – auch ein spannendes Thema. Damit schlieβe ich für heute und hoffe, dass die ersten Gedanken dieses lesenswerten Buchs Euch genauso gefallen, wie mir! Kommentare dazu? Immer gern!