Endlich! Veggiebags bei der Migros!

Bei meinem letzten Einkauf in der Migros fand ich in der Frucht- und Gemüseabteilung Veggiebags. Mein Herz schlug höher! Klasse, endlich Ersatz für die Einwegtüten für das Gemüse und die Früchte.

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Es sind leichte Stofftaschen, aus fein gewobenem Polyesterstoff gefertigt (ob das wohl aus recyceltem Plastik ist? Ich werde bei der Migros nachfragen). Am oberen Ende haben sie eine Zugkordel, um den Veggiebag nach Einfüllen schliessen zu können. Waschbar sind die Beutel bis 30 Grad in der Waschmaschine, das Eigengewicht beträgt 7 Gramm. An der Seite ist eine Etikette eingenäht, auf die man die Barcode Stickers mit dem Gewicht und dem Preis aufkleben (und wieder ablösen) kann.

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Migros schreibt dazu auf der Veggiebag-Etikette: „Schaffen Sie neue Gewohnheiten. So helfen Sie mit, wertvolle Ressourcen zu sparen und Abfall zu reduzieren.“ Bravo, Migros!

In einer Veggiebag Verpackung sind vier Beutel drin, Kostenpunkt 6.90 Franken. Maria von Widerstandistzweckmässig hat ganz sicher noch Ideen, wie man solche Bags selber machen kann. Dennoch möchte ich diesen Beitrag bloggen, weil ich es ein sehr positives Zeichen finde, dass der grösste Schweizer Detailhandelsriese, die Migros, aufgewacht ist!

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Aufruf an alle: holt Euch auch die Veggiebags und spart Plastiktüten ein. Wenn jeder das macht, haben wir bald Tonnen von Plastik eingespart!

Zum Thema des Umgangs mit Plastik habe ich auch die unten aufgelisteten Beiträge geschrieben — schau doch mal rein und hinterlasse mir einen Kommentar, ich freue mich auf Deinen Besuch!

„Sack welle?“
Rochade: Plastik gegen Krankheitserreger auf Geldscheinen
Post von der Schweizerischen Nationalbank zum Thema Geldscheine aus recyceltem Plastik
Sag mir wo die Flaschen sind…
Mikroplastik im „Naturprodukt“ Honig
Kunst aus Abfall

 

 

 

 

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Ohne Moralpredigt für die Umwelt sensibilisieren

Heutzutage traut man sich als Weltenbürger ja fast schon nicht mehr, zu atmen! Man könnte ja zu viel Sauerstoff beanspruchen… Fleisch essen? Das braucht um Faktoren mehr Wasser, als Gemüse… Auto fahren? Längst liebäugelt man mit einem E-Auto, während man den Zündschlüssel des Diesels dreht und der Motor losrattert…

Die notorischen Gewissensbisse suggerieren, dass man noch viel mehr für die Umwelt tun könnte, sollte, müsste. Man kann sich zwar im Kleinen für die Umwelt engagieren, beispielsweise indem man Dinge repariert, anstatt sie wegzuwerfen. Man kann die Kleidung ausbessern und damit die Näher(innen) wertschätzen. Man kann sich vor Neuanschaffungen fragen, ob es wirklich nötig ist, sie zu kaufen. Man kann Plastik konsequent trennen, ins Recycling geben und beim Kauf von Elektrogeräten auf eine gute Reparierbarkeit achten. Aber irgendwie scheint es doch nie auszureichen, denn die Schäden, die die Umwelt nimmt, werden grösser, nicht kleiner.

Ausstellungen, die dieses anhaltende schlechte Gefühl noch bestärken und den moralischen Zeigefinger erheben, machen alles nur noch schlimmer. Mich erreichen die Botschaften von solchen Ausstellungen nicht. Es gibt aber auch gute Beispiele von Ausstellungen, die sensibilisieren, ohne zu moralisieren. Im Zürcher Zoo fiel mir neulich eine Fotoausstellung auf, die nicht den Zeigefinger erhebt, sondern sachlich informiert – und konkrete Konsumententipps gibt. Das hat mir sehr gefallen!

Auf dem ersten Bild ist der durchschnittliche Papierkonsum pro Person und Jahr in der Schweiz veranschaulicht: 296 kg. Als Vergleich dazu der Verbrauch in Afrika mit 6 kg.

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In meinem Beitrag Die Papierflut schrieb ich über den ganz normalen Wahnsinn überquellender Briefkästen mit ungewünschter Werbung und Gratiszeitungen. Nach konsequentem monatlichen Abbestellen oder Zurücksenden unerwünschter Sendungen (hier in der Schweiz mit dem Vermerk „refusée“ kostenfrei möglich) bekomme ich tatsächlich deutlich weniger Papier. Die Tages- ist auf eine Wochenzeitung umgestellt, News lese ich auf dem Handy. Auch nutze ich meinen Scanner viel häufiger, als den Kopierer und habe mir angewöhnt, wo möglich Papier zu vermeiden und nur noch elektronisch zu archivieren. In diesem Bereich können wir als Konsumenten viel machen!

Wenn möglich, solle man auf Tropenholz verzichten, denn dies öffne der Wilderei Tür und Tore. Auch hier bin ich gut dabei, ich kaufe grundsätzlich nur Hölzer aus zertifiziertem Anbau.

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Positiv überrascht sehe ich eine weitere Schautafel mit sehr brauchbaren Tipps für Konsumenten:

  • Art und Herkunft des Holzes beachten: beim Kauf von Holz und Holzprodukten soll man auf die Kennzeichnung von Holzart und -herkunft. achten. Optimal ist heimisches Holz mit dem FSC-Label.
  • Nachfragen, falls die Deklaration unklar ist: Wenn der Händler keine Deklaration der Holzart und des Herkunft abgibt, fragen.
  • Kein Tropenholz kaufen: Auf Tropenholz (auch Teak) verzichten. Es gibt für alle Tropenhölzer einen europäischen Ersatz, ausser für Balsaholz. Dieses Holz hat einzigartige Eigenschaften. Anstatt Teak kann man Robinie verwenden.
  • Holzlabel beachten: beim Kauf von ausländischem Holz sollte man auf das international verbreitete und anerkannte FSC-Label achten. Es garantiert einen nachhaltigen Holzeinschlag, der ökologisch ist. Zertifikate von Holzgesellschaften und Behörden sind häufig keine Garantie für Nachhaltigkeit.

Als nächstes widmet sich die Ausstellung dem Thema Elektrogeräte, mit besonderem Fokus auf Handys. Ich lese:

Wertvolles Handy als Wegwerfware: Pro Jahr gehen in der Schweiz zwei Millionen Handys über den Ladentisch und bleiben 18 Monate in Betrieb. Danach weichen sie neueren Modellen – zusammen füllen sie einen Güterzug mit neun Wagen. In den entsorgten Handys stecken über 40 Tonnen Kupfer. Die grössten Kupferminen der Welt befinden sich in den Regenwäldern von Brasilien, Papua Neu Guinea, Indonesien und der Demokatischen Republik Kongo.

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Sehr interessant finde ich die Visualisierung des SBB-Cargo Güterzugs am unteren Teil des Schaubildes. Es zeigt auf, wie viele Tonnen Rohmetalle durch den sorglosen Konsum von neuen Handys anfallen: neben den oben erwähnten 40 Tonnen Kupfer sind es 19 Tonnen Aluminium, nochmal so viel für Gold, Silber, Zinn, Kobalt, Chrom, Blei, Nickel, Titan, Zink und das wertvolle Palladium. 17 Tonnen Eisen werden verschwendet und so geht die Auflistung weiter. Das muss nicht sein! Wir können unsere Handys ein paar Jahre behalten und damit aktiv ein Zeichen gegen die Verschwendung von wertvollen Ressourcen setzen.

Dazu die Konsumententipps vom Zoo:

  • Den Nutzen der Geräte verlängern: gute, langlebige und qualitativ hochwertige Geräte kaufen (weg von der Schnäppchen-Mentalität, das tut der Umwelt nicht gut). Kaputte Geräte reparieren lassen. Eine weitere Möglichkeit ist es, nicht mehr benötigte Geräte weiterzugeben und Secondhand-Geräte zu kaufen. Geräte, die man selten braucht, kann man bei Freunden oder evtl. im Baumarkt ausleihen.
  • Wertvolle Materialien recyceln: Elektrogeräte und Batterien sollte man an den Bezugsort zurückbringen und nicht wegwerfen. PET Leergut, Glas, Metall und Plastik können an die Sammelstellen gebracht werden. Alten Goldschmuck kann man neu verarbeiten lassen.
  • Mithelfen, Energie und Ressourcen zu sparen: Anstatt Alu-Getränkedosen lieber Glas oder PET-Flaschen verwenden, anstatt Alufolie lieber Klarsichtfolie. Handzerstäuber sind besser als Spraydosen. Auf Geldanlagen verzichten, die den Handel mit Bodenschätzen zum Inhalt haben.

Schön, dass der Zoo Zürich seine Besucherinnen und Besucher auf so gute Weise für das Thema der endlichen Ressourcen sensibilisiert!

Interessiert Dich das Thema? Ich habe dazu auch folgende Beiträge publiziert. Sie fassen ein spannendes Buch zusammen: „Die Kultur der Reparatur“. Schau doch mal rein!
Die Kultur der Reparatur
Die Kultur der Reparatur – zweiter Beitrag
Geplante Obsoleszenz – eingebaute Schwachstellen in Geräten
Tauschen und Teilen – Alternativen zum Konsum
Die groβen Hebel für kleine ökologische Fuβabdrücke
Irreparables Design – muss das sein?
Unser tägliches Zeug gib uns heute…
The world in our hands
9 Schritte zum erfolgreichen Reparieren

 

 

 

Büchern Beine machen – mit Bookcrossing

imagesDas Internet ist eine Wundertüte! Mit Bookcrossing.com kann man seine gelesenen Bücher auf Reisen schicken. Dazu sind drei Schritte nötig:

circle_labelgraphicErstens – man registriert sein Buch bei Bookcrossing und erhält eine ID-Nummer, die man auf einen herunterladbaren Aufkleber druckt und in das Buch klebt.

circle_sharegraphicZweitens: man teilt das Buch. Das kann man tun, indem man es weitergibt – „an einen Freund, einen Fremden, einen fremden Freund oder einen freundlichen Fremden“. Oder, indem man sein Buch in die Freiheit entlässt und auf Reisen schickt, zum Beispiel, indem man es auf einer Parkbank liegenlässt, bei einer Bushaltestelle oder im Zug.

circle_followgraphicDrittens: man verfolgt die Reise des Buchs. Dazu Bookcrossing sinngemäss: Wenn ein anderer Leser das Buch findet, kann er die Bookcrossing-ID eingeben und mitteilen, dass er es gefunden hat. Journaleinträge zum Buch lassen den Sender wissen wo es ist, wer es gerade liest, und wohin es als nächstes reisen wird. Manche Bücher bleiben eher in einer Region, während andere wirklich weit herumkommen! Das Buch berührt vielleicht das Leben eines Lesers, dem der Vorbesitzer niemals begegnet wäre, oder es macht einfach nur die Runde unter seinen Freunden.

share_benchgraphicÜber die Plattform haben (zum Zeitpunkt, als der Website Text geschrieben wurde) mehr als 900.000 BookCrosser gemeinsam fast sieben Millionen Bücher registriert, die in ungefähr 130 Ländern reisen! Was für eine fantastische Idee! Eine Statistik zeigt, welche Bücher gerade in die Freiheit entlassen wurden. Ich werde es auch ausprobieren!

Auf Bookcrossing.com bin ich übrigens über einen Artikel im Online Magazin Krautreporter gestossen, den ein Freund im Facebook postete (danke, Ralph!). Der Artikel 66 Dinge, die du jetzt sofort wegwerfen solltest, den ich anfangs mit Skepsis anlas (wirfsnichtweg ist für einen achtsamen Umgang mit Dingen!), begeisterte mich nur schon dieser Information wegen. Wegwerfen und entsorgen will gekonnt gemeistert werden!

P.S. Wer immer dies von Bookcrossing.com liest möge mir nachsehen, dass ich so frei war, die Icons der Website für meinen Blogbeitrag verwendet habe – ist ja für einen guten Zweck!

 

Schnippeldisko für unverkäufliches Gemüse

Eine Schnippeldisko – was ist denn das? Als ich die Überschrift des Online Artikels las, wurde ich neugierig. Es geht um einen Event im Berliner Zentrum für Kunst und Urbanistik: Bei Tanzmusik wird knubbeliges Gemüse, das nicht verkauft werden kann, zu einer Suppe verarbeitet. Das Gemüse wird von lokalen Produzenten zur Verfügung gestellt, die Suppe wird den Teilnehmern an der für den Folgetag geplanten Demo „Wir haben es satt“ den Bauch wärmen. In Berlin werden dieses Jahr rund 1000 Teilnehmer erwartet, um die rund zwei Tonnen Gemüse zu verarbeiten! Der Termin ist der 15. Januar 2016.
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Die Schnippeldisko wurde erstmalig 2012 von Slow Food Youth und Partnern veranstaltet, viele Länder haben schon nachgezogen. Ich finde die Schnippeldisko eine hervorragende Aktion, um auf den Missstand der Lebensmittelverschwendung aufmerksam zu machen und ein Zeichen zu setzen!

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Das Magazin, in dem der Artikel erschien heisst enorm Magazin. Schwerpunkt: Das enorm Magazin betrachtet Wirtschaftsmodelle, Unternehmen und Personen, die auf die wachsenden lokalen und globalen Herausforderungen in Gesellschaft & Umwelt reagieren und wertvolle Impulse geben. Die Online Version gibt es auch im Facebook, beide Auftritte haben mich sehr angesprochen, es sind spannende Artikel zum Umgang mit Ressourcen darin zu finden.

Weiterführende Links
Slow Food Youth (globale Seite)
Slow Food Youth Deutschland
Slow Food Youth Schweiz
Slow Food Youth Österreich

 

Bücher aussortieren – schwieriges Thema

Zu Büchern habe ich eine ganz besondere Beziehung. Ich liebe sie einfach! Ihren Geruch, ihre Verarbeitung, ihren Inhalt. Und wenn ich sie gelesen habe, mag ich sie noch mehr. Umso schwerer fällt es mir, das Thema Aussortieren anzugehen. Wegwerfen? Unvorstellbar!

Doch es wurde wirklich nötig… Die Bücherregale platzten aus allen Nähten. Da kam Rettung in der Not. Zunächst mit Marie Kendo’s wunderbarem Buch „Magic cleaning – wie richtiges Aufräumen ihr Leben verändert“. Und dann mit meinem Sohn, der mich beim Verschenken unterstützt.

Doch zunächst zu Marie Kondo: Sie sagt, dass man erstmal ALLE Bücher, die im Haus verteilt sind, in einen Raum bringen soll. Wirklich alle, ohne Ausnahme! Damit man sich der Dimension des Besitzes bewusst wird. Dann soll man jedes Buch in die Hand nehmen (diese physische Handlung ist wichtig für die nachfolgende Aktion) und in gleichen Moment entscheiden: macht mich dieses Buch glücklich? Wenn ja, behalten. Wenn nein, weggeben. Interessant sind ihre Ausführungen zu den Sonderfällen. Im Wesentlichen sollte die Aufgabe, die das Buch erfüllt hat, gewürdigt werden und mit diesem Gefühl der Würdigung kann man sich leichteren Herzens von einem Buch verabschieden, das einen nicht zu 100% glücklich macht.

Kategorie 1: Bücher, die einen glücklich machen (gelesen oder ungelesen), dürfen bleiben. Ihre Aufgabe bleibt weiterhin, dass sie uns glücklich machen.

Kategorie 2: Bücher, die man gelesen hat, die einen aber nicht unbedingt glücklich machen, sollte man weggeben. Sie haben ihre Aufgabe erfüllt, indem sie uns zum Lesen zur Verfügung gestanden haben.

Kategorie 3: Bücher, die wir nur teilweise gelesen haben: ihre Aufgabe ist auch erfüllt, denn sie haben uns gezeigt, dass uns ihr Inhalt nicht gefallen hat. Getrost weggeben.

Kategorie 4: Bücher, die wir nie gelesen haben: Ihre Aufgabe war der schöne Moment in der Buchhandlung, als wir dachten, wir würden das Buch lesen (in einer ruhigen Minute, im Urlaub, im Winter am Kamin mit Kuschelsocken undsoweiter undsofort…). Der befriedigende Moment an der Kasse, als wir es uns zu eigen machten. Der freudige Moment, als sie uns geschenkt wurden. Auch diese Aufgabe hat das Buch dankenswerterweise erfüllt!

Marie Kendo rät ab, in das Buch zu sehen oder gar im Text zu lesen. Man soll einfach nur auf sein Bauchgefühl achten, ob einen das Buch wirklich glücklich macht oder nicht und dann umgehend entscheiden. Und sie empfiehlt auch, sich bei jedem Buch, das auf den Stapel der wegzugebenden Bücher landet, innerlich mit einem wertschätzenden Dank zu verabschieden.

Ich habe es ausprobiert und habe gute Erfahrungen damit gemacht! Allerdings habe ich schon in das eine oder andere Buch geschaut und einige ungelesenen Bücher behalten. Von ungefähr 2/3 meines Buchbestands habe ich mich jedoch getrennt. Darunter auch von Lieblingsbüchern wie meine gesamte portugiesischsprachige Schulliteratur, die nun über 30 Jahre im Regal standen und die ich überall hin mit umgezogen habe. Keinen dieser Klassiker las ich je ein zweites Mal. Obwohl ich an ihnen festhielt, merkte ich beim in die Hand nehmen, dass sie mich nicht wirklich glücklich machen. Ich konnte mich bei ihnen bedanken, dass ich Freude beim Lesen hatte. Ich habe ihnen aber auch gesagt, dass ich auch ohne sie Portugiesisch kann und dass es an der Zeit ist, sie wegzugeben. „Obrigada, queridos livros, adorei vocês, mas agora é hora de me separar de vocês…“

Sehr hilfreich war mein Filius, der bereits über 120 Bücher unter seine Germanistik MitstudentInnen gebracht hat und auch sonst dank Facebook Gratis Buchgruppen viele Bücher erfolgreich verschenkt hat! Er nutzte eine Doodle Funktion dafür. Man kann in dieser Doodle Kategorie jedes Buch nur einmal anwählen, dann ist es gesperrt und wird nur dieser Person gegeben. Es funktioniert nach dem „first come, first serve“ Prinzip.

Getreu meinem Motto „Wirfsnichtweg“ (das einem bei solchen Aufräumaktionen durchaus auch mächtig im Wege stehen kann!) habe ich auf diese Weise eine verträgliche Art des Aussortierens gefunden. Der verbleibende Rest der Bücher geht einerseits an den Buchbasar einer gemeinnützigen Organisation und in die Bücherkiste des Recyclinghofs, bei dem Gebrauchtbuchhändler sich bedienen. Das Buch von Marie Kendo habe ich übrigens auch gebraucht über Amazon gekauft!

 

Neulich im Hallenbad

Als ich kürzlich schwimmen war dachte ich an die Unmengen an Wasser und Chemikalien, die so ein Schwimmbad benötigt. Und daran, dass alles, was zu viel benötigt oder produziert wird – Wasser, Abfall, Plastik, Dieselabgase – gar nicht die Chance hätte, die Umwelt zu belasten, wenn wir, die Menschen, nicht wären. Konsequent zu Ende gedacht: würde ich das Hallenbad missen wollen? Nein, würde ich nicht! Damit gebe ich mein stillschweigendes, passives Einverständnis für den Wasser- und Chemikalienverbrauch. Mein aktives Einverständnis zahle ich sogar am Schwimmbadeingang in Form des Eintritts.

Während ich nach dem Schwimmen auf dem Weg in die Umkleidezone darüber nachdachte, sticht mir etwas ins Auge:
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Wassersparer an den Wasserhähnen! Ein Lächeln bahnt sich den Weg. Wenn schon Hallenbad, dann am besten eins, das sorgsam mit den Ressourcen umgeht. Wer an den Wasserhähnen Aqua Click installiert, bei dem ist die Chance gross, dass er auch sonst auf einen schonenden Umgang mit den Ressourcen achtet. Nachgefragt habe ich allerdings noch nie. Der kleine Aqua Click hat mich inspiriert, künftig genauer hinzusehen.

Aus vielen kleinen Tropfen entsteht ein See. Danke an das Hallenbad Lättich: http://www.baar.ch/de/kulturfreizeit/schwimmbad/hallenbad/

Taste the waste und die Frage der kritischen Masse

„Die geplante Obsoleszenz ist schon problematisch genug, noch mehr anzuprangern ist aber das gezielte Wegwerfen noch voll funktionsfähiger Produkte, sei es aus einer individuellen Konsumlaune heraus, sei es über staatliche Programme, wie die Abwrackprämie für ältere Fahrzeuge ohne Katalysator, oder sei es aufgrund von Überproduktion wie insbesondere in der Lebensmittelindustrie.“ Das schreibt Wolfgang M. Heckl in seinem Buch „Die Kultur der Reparatur“, mit dem ich mich in zahlreichen Blogbeiträgen auseinandergesetzt habe. Im letzten Kapitel geht es um Auswege aus der Wachstumsspirale. Hierzu passt auch die Fragestellung, wozu Müll noch gut sein kann. Einige Beiträge dazu schrieb ich schon: die Papiertüten des Fairtrade-Ladens Claro in: Kaffeeblüten-Honig aus Guatemala, eine andere Art des Umgangs mit Müll in: Kunst aus Abfall oder die Verwendung von Müll für Alltagsgegenstände in: Wirfsnichtweg!

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90 Millionen Tonnen Nahrung verschwendet
In Deutschland landen pro Jahr rund elf Millionen Tonnen Lebensmittel auf Müllkippen, in Europa sind es an die 90 Millionen Tonnen. Eine unvorstellbar hohe Zahl! Gemäss einer Studie der Universität Stuttgart im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz aus dem Jahr 2012 bringt es der durchschnittliche Bürger jährlich auf rund 100 kg, schreibt Heckl.

Widerstand regt sich. Die Bewegung der Dumpster und Dumpdiver – zu Deutsch: Mülltauchen oder Containern – sind ein Ausdruck dieses Protests. Sie holen Lebensmittel, die weggeworfen werden, aber noch gut sind. Fundort: Container von Supermärkten, Discountern, Markthallen oder Restaurants. Das Ziel dahinter ist nicht nur, sich aus einer Not heraus zu ernähren, oder damit auf Überproduktion und die Essensvernichtung aufmerksam zu machen, sondern vor allem um das Teilen, das Foodsharing. Gesammelt werden Lebensmittel, die originalverpackt weggeworfen werden, weil das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist, Früchte, die kleine Stellen haben, Produkte, die eingedellte Verpackungen haben und deshalb vom Konsumenten nicht gekauft werden, beispielsweise Dosen mit Dellen. Mülltaucher und Foodsharer sind sehr kreativ, sie stellen die Lebensmittel auf unterschiedlichste Art und Weise zur Verfügung – in ihrem eigenen Kreis, in Stadtteilen oder Städten. Andere kochen daraus leckere Mittagsgerichte, füllen sie in recycelbare Glasbehälter ab und verkaufen sie in der Stadt. Ein Lieferservice – selbstverständlich mit dem Fahrrad – wird dazugeboten. Ein lesenswerter Beitrag findet sich hier: Resteveredelung-Artikel in der Zeitschrift „Horizonte“ Ein Ansatz, den ich auch sehr gut finde sind Lebensmittelgeschäfte, bei denen gar nicht erst so viel Verpackungsmüll und Reste entstehen, weil die Kunden sich die Mengen bedarfsgerecht „zapfen“ können, wie Lunzers Massgriesslerei, vorgestellt vom Blog Widerstandistzweckmässig.

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Lunzers Massgreisslerei. Foto von http://www.widerstandistzweckmässig.wordpress.com

Heckl schreibt dazu: „Nichts verkommen lassen ist also nicht mehr nur Ausspruch der Nachkriegsgeneration, nicht mehr Verzichtsappell aufgrund einer Mangelwirtschaft, sondern ein Appell, in Zeiten einer Überflussgesellschaft moralisch zu handeln, überschüssige Ware Bedürftigen zukommen zu lassen, statt sie wegzuschmeißen.“ In die gleiche Richtung geht der Trend der Gemeindehilfsnetzwerke (z.B. Gemeinwohlökonomie), der Gratisökonomie mit ihren Umsonstläden oder der Tauschbörsen.

Einer für alle, alle für einen
Ich beobachte, dass Hilfsgemeinschaften und Nachbarschaftsnetzwerke im Rahmen der Shared Economy, genossenschaftlich organisierte non-profit Unternehmen und Fair Trade Organisationen, die allesamt nach dem Prinzip „einer für alle, alle für einen“ folgen, immer mehr in Mode kommen! Noch findet die Abkehr von volkswirtschaftlichen Wachstumsmodellen erst im Kleinen statt. Steigt der Leidensdruck aufgrund des Bevölkerungswachstums und der immer knapper und damit teurer werdenden Ressourcen, werden solche Modelle immer mehr Zulauf bekommen. Es ist nur eine Frage der kritischen Masse!

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Zum Buch „Die Kultur der Reparatur“ von Wolfgang M. Heckl schrieb ich bisher folgende Beiträge:
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Arbeitsteilige Fertigung vs. Ganzheitlichkeit
Geplante Obsoleszenz – eingebaute Schwachstellen in Geräten
Die großen Hebel für kleine ökologische Fußabdrücke
Irreparables Design – muss das sein?
The world in our hands
9 Schritte zum erfolgreichen Reparieren
Der Lohn der Reparatur
Aus der Wachstumsspirale ausbrechen

Aus der Wachstumsspirale ausbrechen

Das wunderbare Buch „Die Kultur der Reparatur“, das ich in meinem Blog zusammengefasst habe, neigt sich langsam dem Ende zu. Im letzten großen Kapitel setzt sich der Autor Wolfgang E. Heckl mit den Auswegen aus der Wachstumsspirale unserer Gesellschaft und Volkswirtschaften auseinander.

Seine These: Um aus der Wachstumsspirale auszubrechen, müssen wir aufbrechen, und zwar in die Reparaturgesellschaft.

imageVor über 25 Jahren erschien von der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Brundtland-Bericht zur nachhaltigen Entwicklung. Heckl zitiert aus diesem Bericht: „Voraussetzung für nachhaltiges Handeln ist jedoch auch soziale Gerechtigkeit, denn von Menschen, die Armut und Unterernährung ausgesetzt sind, können nicht dieselben Beiträge zu einer Zukunftsgesellschaft verlangt werden, wie vom gesättigten Westen, dessen Lebensstil angesichts der Begrenztheit der Erde sowieso nicht auf eine wachsende Erdbevölkerung übertragen werden kann. Trotzdem müssen wir Regelungsmechanismen finden, die uns umdenken helfen. Dazu gehörten Marktkräfte genauso wie moralische Aspekte, wie emotionales Marketing und, ganz wichtig, neue Technologien.“ An dieser Stelle möchte ich auf meine Ausführungen in Die großen Hebel für kleine ökologische Fußabdrücke hinweisen – und auf die weiterführenden Kommentare und Diskussion, die sich auf diese Themen hin entwickelt haben. Mich beschäftigt dieses Thema nach wie vor sehr. Ich habe – auch in Heckls Buch – immer noch keine abschließende Antwort auf die Frage gefunden, wie ein Umwelt- und Nachhaltigkeitsbewusstsein bei den Menschen entstehen kann, die sich auf der Bedürfnispyramide von Maslow ganz unten befinden.

Der Bericht ist zwar schon älter, aber vor dem Hintergrund der rasanten Entwicklung einer Konsum- und Wegwerfgesellschaft bei explodierendem Bevölkerungswachstum und gleichzeitig knapper werdenden Ressourcenlage immer noch aktuell. Der Weg zurück zu einer Kultur der Reparatur könnte eine hilfreiche Antwort auf diese Herausforderungen sein. Reparierbarkeit müsste dann zu einer Marktkraft werden und Unternehmen Wettbewerbsvorteile verschaffen. Die Kraft des Marktes bestimmen wir als Konsumenten meiner Meinung nach maßgeblich selber – denn der Markt bildet sich um unsere Nachfrage herum. Heckl schreibt weiterhin, dass ein „Design for Repair“, bei dem die Reparaturfähigkeit eines Produkts wieder wichtig wird, genauso sinnvoll wäre wie eine Preispolitik, die den wahren Wert des Produkts widerspiegeln würde (s. auch meinen Beitrag Unser tägliches Zeug gib‘ uns heute). Der Preis müsste die wahren Kosten beinhalten: den gesamten Ressourcen- und Energieverbrauch, aber auch die Reparatur- und Recyclingkosten, gerechnet auf die Lebensdauer des Produkts (zu diesem Thema lohnt sich das Video aus The story of stuff). Aus Sicht des Autors müsste dies langsam und schrittweise geschehen, denn viele Produkte würden bei so einer Preisbildung unbezahlbar. Als Beispiel wird das Steak genannt: würde man die zur Herstellung nötigen Rohstoffe wie Wasser, Mineralien, Energie und Transportkosten alle konsequent mit einberechnen, wäre der Verkaufspreis viel, viel höher.

PreisschildEin weiterer wichtiger Punkt ist die Weiterentwicklung der Technologie. „Um eines werden wir nicht herumkommen: Wir brauchen die Technologien zur Reparatur, zum Recyceln sowie zum Ausnutzen, Speichern und Verteilen der erneuerbaren Technologien.“ Wie wird es in einem halben Jahrhundert möglich sein, Flugreisen anzutreten? Das Kerosin könnte dann unerschwinglich sein. Heutige Batterien – die besten ihrer Art – sind um Faktor 100 von dem entfernt, was benötigt wurde, um ein Objekt auf der Erde von A nach B zu bringen. Dabei ist noch nicht einmal einberechnet, was es zusätzlich an Energie bräuchte, um die dritte Dimension des Fluges zu gewährleisten, nämlich die Schwerkraft zu überwinden. Neue Mobilitätslösungen und Konzepte sind gefragt!

Aber wie könnten Unternehmen, die global Ressourcen abbauen und verarbeiten zur nachhaltigen Produktion animiert werden? Da gibt es wohl viele Faktoren. Einer davon ist, dass wir als Verbraucher smarter werden. Das Wort „smart“ wird zwar inflationär verwendet, aber Heckl meint damit: „Immer häufiger ist von smarten Geräten die Rede. Telefone nennt man Smartphones, aber es gibt auch Smart Cabrios. Ich ziehe smarte Menschen jedoch smarten Produkten vor oder besser: Smarte Menschen sollten wirklich smarte Produkte herstellen und benutzen, und nicht solche, denen nur das Etikett anhaftet. Eine unüberschaubare Vielzahl von Geräten herzustellen, bei denen wir Konsumenten nicht mehr zwingend zwischen dem, was wichtig, und dem, was unwichtig ist, unterscheiden können ist keine gute Entwicklung.“

kid-smart-lightbulb-brain-600x338Wenn ich das richtig verstehe, geht es auch darum, dass wir uns als Verbraucher bei jedem Ding, das wir in die Hand nehmen, fragen: brauche ich das wirklich? Warum brauche ich es? Kann ich den Bedarf auch anders decken, beispielsweise ohne zusätzliche Ressourcen zu verbrauchen? Mit Existierendem? Aufgehübschtem, Upcyceltem? Mit Verändertem und Angepasstem? Was ich da gerade gelesen habe impliziert einen Menschen, der zwischen den „wirklich smarten“ und den „nur smart genannten“ Produkten unterscheiden kann. Einen Menschen, der informiert und interessiert ist. Der nicht nur nachhaltig denkt, sondern auch bereit ist, danach zu handeln.

Ich schätze den Prozentsatz solcher Menschen in den Wohlstandsgesellschaften als recht niedrig ein. Global gesehen erst recht. Um diesen zu steigern, muss noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden. Handlung, Aktion ist nötig, damit das Bewusstsein wächst und in Bewegung kommt. Jetzt können wir noch agieren. Wenn der Leidensdruck erst einmal so hoch ist, dass wir nur noch reagieren können, wird es vielleicht zu spät sein, das Wort „Nachhaltigkeit“ endlich bis zum Rand mit Inhalt zu füllen.

Der nächster Beitrag des letzten Kapitels: „Taste the waste“ kommt demnächst!

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Der Lohn der Reparatur

 

Vorher – Nachher: Upcycling der Lieblingsbluse

Retrospektive, November 2013
Meine schwarze Bluse mit Nadelstreifenmustern fällt langsam auseinander. Zugegeben, sie hat schon einige Jährchen und unzählige Waschgänge auf dem Buckel. Und das Mischgewebe ist nicht hochwertig. Der Stoff auf der Innenseite der Manschetten hat sich durch das häufige Bügeln einfach aufgelöst, einige Fäden liegen frei. Das liegt sicher auch daran, dass ich die Manschetten gerne lässig nach außen aufkremple. Ich mag es, wenn dadurch die Bluse etwas sportlicher wirkt. Doch nun geht es beim besten Willen nicht mehr, selbst wenn ich die Manschetten nicht umschlage. Die Fäden fallen immer wieder heraus und ich fühle mich nicht mehr wohl.

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Die völlig aufgelöste Manschette meiner Bluse

Dezember 2013
Nach der letzten Wäsche und Bügeln hänge ich die Bluse weg. Zum Wegwerfen ist sie mir zu schade, auch wenn sie kein Glanzstück puncto Stoffqualität ist. Aber genäht wurde sie gut. Kein einziger Knopf fiel bisher ab und die Nähte sind akkurat vernäht und haben alle Waschgänge gut überstanden. Ein paar Mal in diesem Monat vermisse ich mein Kleidungsstück schmerzlich, morgens vor dem Kleiderschrank. Ich trage die Bluse nämlich gerne ins Büro, oder auch zu etwas schickeren Gelegenheiten. Aber jetzt ist sie kaputt…

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Kaputt ist kaputt!

Januar 2014
Mein Entschluss steht fest: Upcycling. Aus alt mach neu! Ich stelle erste Überlegungen an, wie ich das Projekt angehen könnte. Zunächst einmal denke ich darüber nach, was ich gerne mag und stöbere in meinem Kleiderschrank, um mich inspirieren zu lassen. Meine Lieblingsblusen sind meist aus zwei Stoffen gefertigt. Sie haben einen Hauptstoff und in den Innenseiten der Manschetten und im Krageninneren einen anderen Stoff. Dieser Muster- und Farbenmix gefällt mir ausserordentlich. Ich beschliesse, meine Bluse auf diese Weise „aufzupeppen“. Fortan stöbere ich hier und da nach einem passenden Stoff, werde aber nicht fündig. Ich habe einfach zu wenig Zeit und es gibt auch nur noch wenige Läden, die noch Stoffe führen.

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Bildquelle: http://www.amazinggoodwill.com

Februar 2014
Eine ungeplante Reise steht an – nach Kolumbien. Eine Beerdigung, leider. Während ich packe, fällt mir ein, dass es gute Änderungsschneidereien in dem Andenland gibt. Ob ich es versuchen soll? Seit Wochen befasse ich mich nun schon damit, meine Bluse zu reparieren und schaffe es zeitlich einfach nicht. Sollte ich nicht guten Gewissens eine Dienstleistung in Anspruch nehmen? Auch Schneider müssen überleben! Heftiges Nicken in mir. Das lieb gewonnene Stück reist mit. Dort angekommen, zeige ich die Bluse dem Änderungsschneider. Hier haben meine Verwandten schon so mancherlei Kleidungsstück wieder herrichten, ändern oder reparieren lassen. Andrés, so heißt der Schneider, schaut sich den Schaden fachmännisch an und erklärt mir dann, dass er eine so kaputte Manschette nicht reparieren könne. Erst, als ich ihm das Prinzip des Mustermixes am Beispiel der Bluse zeige, die ich gerade trage, geht ihm ein Licht auf. „Klar, das geht natürlich!“ sagt er und lächelt erleichtert. „Haben sie den Stoff mitgebracht?“ Nein, habe ich natürlich nicht… Insgeheim hatte ich gehofft, er habe in seiner Schneiderei passende Stoffreste. Doch er verneint. „Sie müssen einen Stoffladen aufsuchen und dann den Stoff ihrer Wahl mitbringen,“ sagt er. Dazu ist es zu spät, denn ich trete übermorgen schon die Rückreise an. Ich schaffe ich zeitlich nicht mehr. Doch Ostern bin ich wieder in Kolumbien, um den Urlaub hier zu verbringen. Dieser Aufenthalt war schon lange vor dieser außerplanmäßigen Reise gebucht. Bis dahin müsste sich ein geeigneter Stoff finden lassen. Etwas zerknirscht packe ich die Bluse wieder in den Koffer und sie reist wieder in die Schweiz zurück…

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Bildquelle: http://www.itscoop.ch

März 2014
Es ist gar nicht so einfach, ein passendes Muster für den schwarzen Stoff mit den feinen hellgrauen Nadelstreifen zu finden! Abgesehen davon gibt es fast keine Läden für Nähbedarf mehr, die Stoffe am Laufmeter in ihrem Sortiment führen. Sollte es wirklich so sein, dass ich den weiten Weg zu Ikea fahren muss? Das scheint mir dann doch zu viel des Guten… Nach mehreren Anläufen über die Mittagspause nutze ich die Gelegenheit, an einem Samstag in der Stadt zu sein und suche den letzten Nähladen auf, bei dem ich noch eine Chance auf Erfolg wittere. Siehe da, hier gibt es noch Stoff am Laufmeter! Glücklich stürze ich mich ins Vergnügen, um zehn Minuten später enttäuscht und ernüchtert festzustellen, dass mir kein einziges Muster gefällt. Mehr durch Zufall streift mein Blick kurz vor Verlassen des Ladens noch ein paar Stoffballen unter einem Zuschneidetisch. Bingo! Die Verkäuferin zeigt mir den Stoff – das ist genau, was ich brauche. Das Muster: dunkelrosa Pünktchen auf weißem Untergrund. Später werde ich noch erfahren, dass die dunkelrosa Farbe einen ganz anderen Namen hat, aber dazu später… Ich bin jedenfalls sehr erleichtert, dass das Suchen ein Ende hat und lasse mir ein gutes Stück abschneiden.

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April 2014
Zurück in Kolumbien! Diesmal mit dem beschwingten Urlaubsgefühl und einigen Reiseplänen im Gepäck. Und natürlich meiner Bluse – diesmal mit dem passenden Upcycling-Stoff! Andrés erkennt mich sofort wieder und lächelt. „Buenos días!“ grüßt er fröhlich und fragt, wie es mir geht. Ein nettes Gespräch entwickelt sich – und dies ist nur eines von vielen positiven, spontanen und froh stimmenden Gesprächen in Kolumbien. Die Menschen hier verbinden Herzlichkeit mit einer ausgesuchten Freundlichkeit und Höflichkeit! „Calor humano“ – menschliche Wärme, sagt man hier dazu. Ich zeige dem Schneider die Bluse und den Stoff und bitte ihn, neben den Manschetten auch den Innenkragen und die Knopfblende mit dem neuen Pünktchenstoff zu versehen. Und die Knöpfe sollen mit einem dunkelrosa Garn, gleich der Farbe der Punkte auf dem weißen Stoff wieder angenäht werden. „No hay problema, lo haré en fuchsia“, antwortet er. Ja, genau, die Farbe heißt Fuchsia, stimmt! Ich könne die Bluse in einer Woche holen. Perfekt! Ob ich anzahlen würde, bitte? Hierzulande ist es bei Dienstleistungen gang und gäbe, dass Anzahlungen verlangt werden. Nachdem meine Verwandten Andrés schon lange kennen und er vertrauenswürdig ist, zahle ich gleich alles – auch die Reparatur der zweiten Bluse mit einem Riss am unteren Knopfloch und eines Blazers, dessen Futter komplett ersetzt werden muss. Und ich lasse auch noch gleich meinen rot-schwarzen Wollponcho reinigen – im Andenland kann es kühl werden und Bogotá liegt auf 2.600 m…

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Work in progress – der Schneider hat die Knöpfe abgenommen und näht die Knopfleiste fest

Geben sie mir ein Interview?
Seit meiner letzten Reise schwebt mir vor, einen Blog-Beitrag über Andrés zu schreiben. Ich fasse mir ein Herz, bevor ich den Laden verlasse: „Würden sie mir ein Interview für meinen Internet-Blog geben? Ich schreibe über Reparatur und Recycling und einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen.“ Ungläubig sieht er mich an. „Mich interviewen? Oh!“ – er ist wirklich überrascht. Ich bin sicher, dass ihm so etwas noch nie passiert ist. Um den Schreck zu lindern, erkläre ich ihm, dass er als Änderungsschneider mit seiner Arbeit genau das tut, worüber ich schreibe. Und dass deshalb meine Wahl auf ihn gefallen sei. Das kann er gut verstehen und fühlt sich sichtlich geehrt. „Ja gerne!“ sagt er. „Kommen sie nächsten Mittwoch Nachmittag, da ist meine Aushilfe da und ich werde mir für das Interview Zeit nehmen.“

Vorher-Nachher Bilder
Ich finde, das Upcyclingprojekt „made in Colombia“ ist gelungen! Nicht nur konnte die ursprüngliche Arbeit der Erst-Näherin wertgeschätzt werden, sondern auch die Reparaturarbeit des Schneiders in Bogotá. Die Reise dorthin fiel sowieso an, da fiel der weite Weg nicht extra an. Die Zeit im Vorfeld habe ich gerne investiert – wenn sich das ganze Projekt auch über einen langen Zeitraum gezogen hat. Ich bin sehr zufrieden, keine neue Bluse gekauft, sondern eines meiner Lieblingsstücke „gerettet“ zu haben! Und die Fotoreportage findet sich hier: Andrés, der kolumbianische Schneider aus Bogotá.

Upcycling Bluse image

Das Resultat kann sich sehen lassen!

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Post von der Schweizerischen Nationalbank

Geldscheine werden in verschiedenen Ländern aus Polymeren (Kunststoff) gefertigt. Sie werden dadurch langlebiger und tragen auch nicht so viele Bakterien und Viren auf sich. Darüber las ich einen Artikel in welt.de. Sofort kam mir die Idee, dass man dafür recyceltes Plastik verwenden könnte. Man würde zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: die Verbreitung von Krankheiten eindämmen und gleichzeitig Umwelt und Ressourcen schonen. Darüber schrieb ich Ende April den Beitrag:  Rochade: Plastik gegen Krankheitserreger.

Inspiriert durch einige Kommentare schrieb ich der Schweizerischen Nationalbank und fragte, ob die Verwendung von recyceltem Kunstoff für die Banknotenproduktion eine Option sei. Heute erhielt ich Post in meine Inbox, eine Antwortmail! Ich habe mich sehr gefreut, dass die Schweizerische Nationalbank auf meine Frage eingetreten und sie kompetent beantwortet hat:

An unsere Banknoten werden hohe Qualitätsanforderungen gestellt, insbesondere an Lebensdauer, Fälschungssicherheit und Umlauffähigkeit. Ein wesentliches Merkmal der Banknoten ist das Substrat. Wenn recyceltes Material verwendet wird, ist es möglich, dass unerwünschte Verunreinigungen die Umlaufqualität beeinträchtigen. Technische Lösungen in diesem Zusammenhang sind noch nicht genügend ausgereift und daher für die Produktion der Banknoten noch nicht einsetzbar.

Die Aussage, technische Lösung seien noch nicht genügend ausgereift und daher noch nicht einsetzbar, klingt doch immerhin schon danach, als würde man daran arbeiten.

Es bleibt zu hoffen, dass innovative Materialexperten bald ein neues Verfahren entwickeln. Substrat aus recyceltem Kunststoff für die Banknotenproduktion – das wäre doch was!!!