Ohne Moralpredigt für die Umwelt sensibilisieren

Heutzutage traut man sich als Weltenbürger ja fast schon nicht mehr, zu atmen! Man könnte ja zu viel Sauerstoff beanspruchen… Fleisch essen? Das braucht um Faktoren mehr Wasser, als Gemüse… Auto fahren? Längst liebäugelt man mit einem E-Auto, während man den Zündschlüssel des Diesels dreht und der Motor losrattert…

Die notorischen Gewissensbisse suggerieren, dass man noch viel mehr für die Umwelt tun könnte, sollte, müsste. Man kann sich zwar im Kleinen für die Umwelt engagieren, beispielsweise indem man Dinge repariert, anstatt sie wegzuwerfen. Man kann die Kleidung ausbessern und damit die Näher(innen) wertschätzen. Man kann sich vor Neuanschaffungen fragen, ob es wirklich nötig ist, sie zu kaufen. Man kann Plastik konsequent trennen, ins Recycling geben und beim Kauf von Elektrogeräten auf eine gute Reparierbarkeit achten. Aber irgendwie scheint es doch nie auszureichen, denn die Schäden, die die Umwelt nimmt, werden grösser, nicht kleiner.

Ausstellungen, die dieses anhaltende schlechte Gefühl noch bestärken und den moralischen Zeigefinger erheben, machen alles nur noch schlimmer. Mich erreichen die Botschaften von solchen Ausstellungen nicht. Es gibt aber auch gute Beispiele von Ausstellungen, die sensibilisieren, ohne zu moralisieren. Im Zürcher Zoo fiel mir neulich eine Fotoausstellung auf, die nicht den Zeigefinger erhebt, sondern sachlich informiert – und konkrete Konsumententipps gibt. Das hat mir sehr gefallen!

Auf dem ersten Bild ist der durchschnittliche Papierkonsum pro Person und Jahr in der Schweiz veranschaulicht: 296 kg. Als Vergleich dazu der Verbrauch in Afrika mit 6 kg.

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In meinem Beitrag Die Papierflut schrieb ich über den ganz normalen Wahnsinn überquellender Briefkästen mit ungewünschter Werbung und Gratiszeitungen. Nach konsequentem monatlichen Abbestellen oder Zurücksenden unerwünschter Sendungen (hier in der Schweiz mit dem Vermerk „refusée“ kostenfrei möglich) bekomme ich tatsächlich deutlich weniger Papier. Die Tages- ist auf eine Wochenzeitung umgestellt, News lese ich auf dem Handy. Auch nutze ich meinen Scanner viel häufiger, als den Kopierer und habe mir angewöhnt, wo möglich Papier zu vermeiden und nur noch elektronisch zu archivieren. In diesem Bereich können wir als Konsumenten viel machen!

Wenn möglich, solle man auf Tropenholz verzichten, denn dies öffne der Wilderei Tür und Tore. Auch hier bin ich gut dabei, ich kaufe grundsätzlich nur Hölzer aus zertifiziertem Anbau.

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Positiv überrascht sehe ich eine weitere Schautafel mit sehr brauchbaren Tipps für Konsumenten:

  • Art und Herkunft des Holzes beachten: beim Kauf von Holz und Holzprodukten soll man auf die Kennzeichnung von Holzart und -herkunft. achten. Optimal ist heimisches Holz mit dem FSC-Label.
  • Nachfragen, falls die Deklaration unklar ist: Wenn der Händler keine Deklaration der Holzart und des Herkunft abgibt, fragen.
  • Kein Tropenholz kaufen: Auf Tropenholz (auch Teak) verzichten. Es gibt für alle Tropenhölzer einen europäischen Ersatz, ausser für Balsaholz. Dieses Holz hat einzigartige Eigenschaften. Anstatt Teak kann man Robinie verwenden.
  • Holzlabel beachten: beim Kauf von ausländischem Holz sollte man auf das international verbreitete und anerkannte FSC-Label achten. Es garantiert einen nachhaltigen Holzeinschlag, der ökologisch ist. Zertifikate von Holzgesellschaften und Behörden sind häufig keine Garantie für Nachhaltigkeit.

Als nächstes widmet sich die Ausstellung dem Thema Elektrogeräte, mit besonderem Fokus auf Handys. Ich lese:

Wertvolles Handy als Wegwerfware: Pro Jahr gehen in der Schweiz zwei Millionen Handys über den Ladentisch und bleiben 18 Monate in Betrieb. Danach weichen sie neueren Modellen – zusammen füllen sie einen Güterzug mit neun Wagen. In den entsorgten Handys stecken über 40 Tonnen Kupfer. Die grössten Kupferminen der Welt befinden sich in den Regenwäldern von Brasilien, Papua Neu Guinea, Indonesien und der Demokatischen Republik Kongo.

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Sehr interessant finde ich die Visualisierung des SBB-Cargo Güterzugs am unteren Teil des Schaubildes. Es zeigt auf, wie viele Tonnen Rohmetalle durch den sorglosen Konsum von neuen Handys anfallen: neben den oben erwähnten 40 Tonnen Kupfer sind es 19 Tonnen Aluminium, nochmal so viel für Gold, Silber, Zinn, Kobalt, Chrom, Blei, Nickel, Titan, Zink und das wertvolle Palladium. 17 Tonnen Eisen werden verschwendet und so geht die Auflistung weiter. Das muss nicht sein! Wir können unsere Handys ein paar Jahre behalten und damit aktiv ein Zeichen gegen die Verschwendung von wertvollen Ressourcen setzen.

Dazu die Konsumententipps vom Zoo:

  • Den Nutzen der Geräte verlängern: gute, langlebige und qualitativ hochwertige Geräte kaufen (weg von der Schnäppchen-Mentalität, das tut der Umwelt nicht gut). Kaputte Geräte reparieren lassen. Eine weitere Möglichkeit ist es, nicht mehr benötigte Geräte weiterzugeben und Secondhand-Geräte zu kaufen. Geräte, die man selten braucht, kann man bei Freunden oder evtl. im Baumarkt ausleihen.
  • Wertvolle Materialien recyceln: Elektrogeräte und Batterien sollte man an den Bezugsort zurückbringen und nicht wegwerfen. PET Leergut, Glas, Metall und Plastik können an die Sammelstellen gebracht werden. Alten Goldschmuck kann man neu verarbeiten lassen.
  • Mithelfen, Energie und Ressourcen zu sparen: Anstatt Alu-Getränkedosen lieber Glas oder PET-Flaschen verwenden, anstatt Alufolie lieber Klarsichtfolie. Handzerstäuber sind besser als Spraydosen. Auf Geldanlagen verzichten, die den Handel mit Bodenschätzen zum Inhalt haben.

Schön, dass der Zoo Zürich seine Besucherinnen und Besucher auf so gute Weise für das Thema der endlichen Ressourcen sensibilisiert!

Interessiert Dich das Thema? Ich habe dazu auch folgende Beiträge publiziert. Sie fassen ein spannendes Buch zusammen: „Die Kultur der Reparatur“. Schau doch mal rein!
Die Kultur der Reparatur
Die Kultur der Reparatur – zweiter Beitrag
Geplante Obsoleszenz – eingebaute Schwachstellen in Geräten
Tauschen und Teilen – Alternativen zum Konsum
Die groβen Hebel für kleine ökologische Fuβabdrücke
Irreparables Design – muss das sein?
Unser tägliches Zeug gib uns heute…
The world in our hands
9 Schritte zum erfolgreichen Reparieren

 

 

 

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Büchern Beine machen – mit Bookcrossing

imagesDas Internet ist eine Wundertüte! Mit Bookcrossing.com kann man seine gelesenen Bücher auf Reisen schicken. Dazu sind drei Schritte nötig:

circle_labelgraphicErstens – man registriert sein Buch bei Bookcrossing und erhält eine ID-Nummer, die man auf einen herunterladbaren Aufkleber druckt und in das Buch klebt.

circle_sharegraphicZweitens: man teilt das Buch. Das kann man tun, indem man es weitergibt – „an einen Freund, einen Fremden, einen fremden Freund oder einen freundlichen Fremden“. Oder, indem man sein Buch in die Freiheit entlässt und auf Reisen schickt, zum Beispiel, indem man es auf einer Parkbank liegenlässt, bei einer Bushaltestelle oder im Zug.

circle_followgraphicDrittens: man verfolgt die Reise des Buchs. Dazu Bookcrossing sinngemäss: Wenn ein anderer Leser das Buch findet, kann er die Bookcrossing-ID eingeben und mitteilen, dass er es gefunden hat. Journaleinträge zum Buch lassen den Sender wissen wo es ist, wer es gerade liest, und wohin es als nächstes reisen wird. Manche Bücher bleiben eher in einer Region, während andere wirklich weit herumkommen! Das Buch berührt vielleicht das Leben eines Lesers, dem der Vorbesitzer niemals begegnet wäre, oder es macht einfach nur die Runde unter seinen Freunden.

share_benchgraphicÜber die Plattform haben (zum Zeitpunkt, als der Website Text geschrieben wurde) mehr als 900.000 BookCrosser gemeinsam fast sieben Millionen Bücher registriert, die in ungefähr 130 Ländern reisen! Was für eine fantastische Idee! Eine Statistik zeigt, welche Bücher gerade in die Freiheit entlassen wurden. Ich werde es auch ausprobieren!

Auf Bookcrossing.com bin ich übrigens über einen Artikel im Online Magazin Krautreporter gestossen, den ein Freund im Facebook postete (danke, Ralph!). Der Artikel 66 Dinge, die du jetzt sofort wegwerfen solltest, den ich anfangs mit Skepsis anlas (wirfsnichtweg ist für einen achtsamen Umgang mit Dingen!), begeisterte mich nur schon dieser Information wegen. Wegwerfen und entsorgen will gekonnt gemeistert werden!

P.S. Wer immer dies von Bookcrossing.com liest möge mir nachsehen, dass ich so frei war, die Icons der Website für meinen Blogbeitrag verwendet habe – ist ja für einen guten Zweck!

 

Wirf Dein Tischset aus Papier nicht weg!

Neulich in Zürich, australisches Restaurant – ja wirklich, so was gibt’s! – achtete ich darauf, nicht zu kleckern und das von aussen nasse Wasserglas nicht auf das Tischset zu stellen. Warum? Mir gefielen das Motiv (eine Australienkarte), die schöne Farbzusammenstellung (Erdtöne), das Design und natürlich die Idealmaße. Denn mit Tischsets aus Papier kann man wunderbare und sehr originelle Geschenkverpackungen machen. Inzwischen habe ich schon in einigen Restaurants Sets mit nach Hause genommen und freue mich jedesmal, damit Verpackungsunikate herzustellen. Die Schleifen und Deko sind meist auch wiederverwertet.

Alles Claro? Alles Claro!

Kürzlich berichtete ich über Kaffeeblüten-Honig aus Guatemala aus dem Fair-Trade-Geschäft Claro. Einige Fragen tauchten dazu auf – ob beispielsweise kein lokaler Markt für den Honig existiert, ob Bio- und Fairtrade Produkte keinen genug hohen Stellenwert in den Herkunftsländern haben und ob es Vorstösse in die Richtung gibt, lokale Marktnischen für diese Produkte zu finden.

Nachdem ich den Beitrag in meinem Blog veröffentlicht hatte, mailte ich meine Fragen an Claro:

Kürzlich erhielt ich ein schönes Geschenk aus einem Claro Laden in Thun. Positiv fiel mir auf, dass die Geschenkverpackung aus Kalenderblättern von Helvetas-Kalendern gefaltet war. Dazu hätte ich die Frage, wer diese Arbeiten für Sie ausgeführt hat, ob es eine Behindertenwerkstätte war o.Ä.? Die Tüte hat mir sehr gefallen, ich habe Ihnen ein paar Fotos angehängt, damit Sie sehen, welche Verpackung ich meine.

In dem Papiersack war ein Honig aus Guatemala, der aus Kaffeeblüten von den Bienen gewonnen wird. Da ich in Lateinamerika aufwuchs, habe ich mich darüber sehr gefreut. Allerdings achte ich beim Einkauf selber darauf, dass ich Produkte aus der Region beziehe, um lange Transportwege zu vermeiden. Als ich so darüber nachdachte, wie weit der Weg ist, den der Honig zurückgelegt hat, kamen mir ein paar Fragen: Transportieren Sie den Honig per Schiff? Wir er in Guatemala schon in Gläser abgefüllt und etikettiert, oder erst hier, in Europa?

Dann habe ich auch darüber nachgedacht, warum das Bewusstsein für lokale Erzeugnisse in den Märkten wie Guatemala z.B. so wenig ausgeprägt ist, dass man anscheinend nur hierzulande diese Produkte schätzt? Gibt es von Fairtrade Organisationen wie Claro Vorstösse, um die Wahrnehmung für das Gute und Schätzenswerte lokaler Produkte zu stärken? Damit könnte man doch Nischen von Kunden (respektive Geniessern) in den lokalen Märkten finden und die Produkte dort verkaufen, wo sie hergestellt werden – auch zu einem fairen Preis.

Ein paar Tage später schrieb mir Claro zurück. Das fand ich schon mal sehr positiv, denn längst nicht alle nehmen sich Zeit dafür! Als ich beispielsweise den chilenischen Winzer mit der rund doppelt so schweren Weinflasche anschrieb (s. Beitrag So ’ne Flasche!) und fragte, warum er eine so viel schwerere Flasche wählt, bekam ich keine Antwort – bis heute nicht…

Der Inhalt der Claro Antwortmail überzeugt mich – die Antworten sind schlüssig, glaubwürdig und einem durchdachten Ansatz folgend. Gerne teile ich dieses freudige Beispiel gelebten Fairtrade-Handelns mit Euch!

Besten Dank für Ihre Anfrage. Wir freuen uns jeweils auch an den hübschen Beuteln, die aus alten Kalenderblättern gefaltet werden, ist dies doch ein sehr sinnvolles Recycling. Die Beutel werden jedoch nicht von uns in Auftrag gegeben, sondern werden in einigen Läden von den kreativen  Frauen selber gefaltet.

Selbstverständlich wird Honig auch lokal konsumiert und geschätzt. Für die Imker bedeutet der Zugang zum europäischen Markt jedoch eine ideale Gelegenheit um seine Überschüsse zu einem guten Preis zu vermarkten. Dies ermöglicht den Menschen eine deutlich bessere Lebensqualität, denn die Kinder können so eine Ausbildung kriegen, die Produktionsmethoden können verbessert werden, soziale Dienste können eingerichtet werden etc. Aus diesen Gründen ist der Verkauf von Honig aus Lateinamerika in Europa sehr sinnvoll und vertretbar. Ausserdem hat es zum Beispiel in der Schweiz nicht genügend einheimischen Honig.

Der Honig wird in Fässern nach Europa transportiert und dann in Deutschland in Gläser abgefüllt und etikettiert. Für Glas haben wir uns entschieden, weil dieses wiederum gut rezykliert werden kann.

Alles Claro? Alles Claro! Vielen Dank für diese kompetente Antwort und den täglichen Einsatz für den fairen Handel und die Verbesserung der Lebenssituation vieler Menschen, die es dringend nötig haben!

Kaffeeblüten-Honig aus Guatemala

Kürzlich erhielt ich einen ganz besonderen Honig. Er stammte aus einem Claro-Fairtrade-Laden. Als ich den Honig auspackte, war ich gleichzeitig positiv als auch negativ überrascht.

Die positive Überraschung: der Geschenkumschlag ist aus wiederverwendeten Kalenderblättern gefaltet!

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Die negative Überraschung: der Honig ist sehr weit gereist: aus Guatemala / Mittelamerika. Das besondere an ihm: er kommt aus dem Kaffeeland, d.h. dass die Bienen ihn im Wesentlichen aus Kaffeeblüten hergestellt haben.

imageEin ganz besonderes Fairtrade-Produkt also. Ich freute mich darüber, weil ich in Lateinamerika aufwuchs und dieser Honig einen ganz besonderen Bezug zu meiner zweiten Heimat herstellt. Andererseits: muss es sein, dass Fairtrade-Artikel von so weit weg stammen? Wäre es nicht für die Umwelt angemessener, wenn besondere Erzeugnisse wie der Honig aus Kaffeeblüten einen lokalen Markt fänden, der attraktiv ist? In Guatemala selbst? Eine Nische von lokalen Geniessern? Ich denke, hier müsste Fairtrade ansetzen: lokales Bewusstsein für den Reichtum der lokalen Erzeugnisse zu schaffen.

Was denkt Ihr darüber?

Aus der Wachstumsspirale ausbrechen

Das wunderbare Buch „Die Kultur der Reparatur“, das ich in meinem Blog zusammengefasst habe, neigt sich langsam dem Ende zu. Im letzten großen Kapitel setzt sich der Autor Wolfgang E. Heckl mit den Auswegen aus der Wachstumsspirale unserer Gesellschaft und Volkswirtschaften auseinander.

Seine These: Um aus der Wachstumsspirale auszubrechen, müssen wir aufbrechen, und zwar in die Reparaturgesellschaft.

imageVor über 25 Jahren erschien von der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Brundtland-Bericht zur nachhaltigen Entwicklung. Heckl zitiert aus diesem Bericht: „Voraussetzung für nachhaltiges Handeln ist jedoch auch soziale Gerechtigkeit, denn von Menschen, die Armut und Unterernährung ausgesetzt sind, können nicht dieselben Beiträge zu einer Zukunftsgesellschaft verlangt werden, wie vom gesättigten Westen, dessen Lebensstil angesichts der Begrenztheit der Erde sowieso nicht auf eine wachsende Erdbevölkerung übertragen werden kann. Trotzdem müssen wir Regelungsmechanismen finden, die uns umdenken helfen. Dazu gehörten Marktkräfte genauso wie moralische Aspekte, wie emotionales Marketing und, ganz wichtig, neue Technologien.“ An dieser Stelle möchte ich auf meine Ausführungen in Die großen Hebel für kleine ökologische Fußabdrücke hinweisen – und auf die weiterführenden Kommentare und Diskussion, die sich auf diese Themen hin entwickelt haben. Mich beschäftigt dieses Thema nach wie vor sehr. Ich habe – auch in Heckls Buch – immer noch keine abschließende Antwort auf die Frage gefunden, wie ein Umwelt- und Nachhaltigkeitsbewusstsein bei den Menschen entstehen kann, die sich auf der Bedürfnispyramide von Maslow ganz unten befinden.

Der Bericht ist zwar schon älter, aber vor dem Hintergrund der rasanten Entwicklung einer Konsum- und Wegwerfgesellschaft bei explodierendem Bevölkerungswachstum und gleichzeitig knapper werdenden Ressourcenlage immer noch aktuell. Der Weg zurück zu einer Kultur der Reparatur könnte eine hilfreiche Antwort auf diese Herausforderungen sein. Reparierbarkeit müsste dann zu einer Marktkraft werden und Unternehmen Wettbewerbsvorteile verschaffen. Die Kraft des Marktes bestimmen wir als Konsumenten meiner Meinung nach maßgeblich selber – denn der Markt bildet sich um unsere Nachfrage herum. Heckl schreibt weiterhin, dass ein „Design for Repair“, bei dem die Reparaturfähigkeit eines Produkts wieder wichtig wird, genauso sinnvoll wäre wie eine Preispolitik, die den wahren Wert des Produkts widerspiegeln würde (s. auch meinen Beitrag Unser tägliches Zeug gib‘ uns heute). Der Preis müsste die wahren Kosten beinhalten: den gesamten Ressourcen- und Energieverbrauch, aber auch die Reparatur- und Recyclingkosten, gerechnet auf die Lebensdauer des Produkts (zu diesem Thema lohnt sich das Video aus The story of stuff). Aus Sicht des Autors müsste dies langsam und schrittweise geschehen, denn viele Produkte würden bei so einer Preisbildung unbezahlbar. Als Beispiel wird das Steak genannt: würde man die zur Herstellung nötigen Rohstoffe wie Wasser, Mineralien, Energie und Transportkosten alle konsequent mit einberechnen, wäre der Verkaufspreis viel, viel höher.

PreisschildEin weiterer wichtiger Punkt ist die Weiterentwicklung der Technologie. „Um eines werden wir nicht herumkommen: Wir brauchen die Technologien zur Reparatur, zum Recyceln sowie zum Ausnutzen, Speichern und Verteilen der erneuerbaren Technologien.“ Wie wird es in einem halben Jahrhundert möglich sein, Flugreisen anzutreten? Das Kerosin könnte dann unerschwinglich sein. Heutige Batterien – die besten ihrer Art – sind um Faktor 100 von dem entfernt, was benötigt wurde, um ein Objekt auf der Erde von A nach B zu bringen. Dabei ist noch nicht einmal einberechnet, was es zusätzlich an Energie bräuchte, um die dritte Dimension des Fluges zu gewährleisten, nämlich die Schwerkraft zu überwinden. Neue Mobilitätslösungen und Konzepte sind gefragt!

Aber wie könnten Unternehmen, die global Ressourcen abbauen und verarbeiten zur nachhaltigen Produktion animiert werden? Da gibt es wohl viele Faktoren. Einer davon ist, dass wir als Verbraucher smarter werden. Das Wort „smart“ wird zwar inflationär verwendet, aber Heckl meint damit: „Immer häufiger ist von smarten Geräten die Rede. Telefone nennt man Smartphones, aber es gibt auch Smart Cabrios. Ich ziehe smarte Menschen jedoch smarten Produkten vor oder besser: Smarte Menschen sollten wirklich smarte Produkte herstellen und benutzen, und nicht solche, denen nur das Etikett anhaftet. Eine unüberschaubare Vielzahl von Geräten herzustellen, bei denen wir Konsumenten nicht mehr zwingend zwischen dem, was wichtig, und dem, was unwichtig ist, unterscheiden können ist keine gute Entwicklung.“

kid-smart-lightbulb-brain-600x338Wenn ich das richtig verstehe, geht es auch darum, dass wir uns als Verbraucher bei jedem Ding, das wir in die Hand nehmen, fragen: brauche ich das wirklich? Warum brauche ich es? Kann ich den Bedarf auch anders decken, beispielsweise ohne zusätzliche Ressourcen zu verbrauchen? Mit Existierendem? Aufgehübschtem, Upcyceltem? Mit Verändertem und Angepasstem? Was ich da gerade gelesen habe impliziert einen Menschen, der zwischen den „wirklich smarten“ und den „nur smart genannten“ Produkten unterscheiden kann. Einen Menschen, der informiert und interessiert ist. Der nicht nur nachhaltig denkt, sondern auch bereit ist, danach zu handeln.

Ich schätze den Prozentsatz solcher Menschen in den Wohlstandsgesellschaften als recht niedrig ein. Global gesehen erst recht. Um diesen zu steigern, muss noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden. Handlung, Aktion ist nötig, damit das Bewusstsein wächst und in Bewegung kommt. Jetzt können wir noch agieren. Wenn der Leidensdruck erst einmal so hoch ist, dass wir nur noch reagieren können, wird es vielleicht zu spät sein, das Wort „Nachhaltigkeit“ endlich bis zum Rand mit Inhalt zu füllen.

Der nächster Beitrag des letzten Kapitels: „Taste the waste“ kommt demnächst!

Dies könnte Dich auch interessieren:

Zum Buch „Die Kultur der Reparatur“ von Wolfgang M. Heckl schrieb ich bisher folgende Beiträge:
Die Kultur der Reparatur – Einführung
Arbeitsteilige Fertigung vs. Ganzheitlichkeit
Geplante Obsoleszenz – eingebaute Schwachstellen in Geräten
Die großen Hebel für kleine ökologische Fußabdrücke
Irreparables Design – muss das sein?
The world in our hands
9 Schritte zum erfolgreichen Reparieren
Der Lohn der Reparatur

 

Wirfsnichtweg!

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Diese Fotostrecke hat mich begeistert! Der ultimative Beweis, dass Plastik & Co. in anderer Form wunderschön aussehen können. Viel Spass beim anschauen!

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Andrés, der kolumbianische Schneider aus Bogotá

Mein Name ist José Andrés Flórez Rodríguez und ich bin Schneider. Ich wurde am 19. September 1976 in Bogotá, der Hauptstadt von Kolumbien, geboren. Aufgewachsen bin ich nicht weit von hier, von meinem Laden. Ich betreibe eine Schneiderei und Reinigung – bin also mit meinen 38 Jahren schon lange Unternehmer und mein eigener Herr. Privat bin ich verheiratet, meine Frau heisst Rocío. Wir haben einen zweijährigen Sohn, der Jacobo heißt, unser ganzer Stolz! Meine Frau ist auch berufstätig. Während unserer Abwesenheit kümmert sich meine Schwiegermutter um unseren Junior.

Andres Florez ColombiaIch war sehr überrascht, als ich die Anfrage bekam, meiner Kundin ein Interview zu geben. Als sie mir erklärte, dass sie im Internet in ihrem Blog über die Themen Reparatur, Schonung von Ressourcen und Recycling schreibt, war ich sofort motiviert, mitzumachen. Ich habe übrigens ihre Bluse, einen Blazer und noch andere Kleidungsstücke wieder zu neuem Leben erweckt! Hast Du den Beitrag Vorher – Nachher: Upcycling der Lieblingsbluse, schon gesehen?

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Anbei meine Antworten auf die Fragen, die sie mir gestellt hat:

Wie ich mein Handwerk gelernt habe
Das Schneidern liegt bei uns in der Familie: schon mein Großvater war Schneider und mein heute 75-jähriger Vater arbeitet noch immer in seinem Handwerk. Ich habe drei Brüder und eine Schwester. Wir haben unserem Vater schon in der Schulzeit mitgeholfen und er hat uns den Beruf gelehrt. Meine Geschwister haben wie ich in anderen Stadtteilen ihre eigenen, kleinen Schneidereien. Wir sind sehr froh, dass es uns allen gut geht. Einen Berufsverband? Nein, so etwas gibt es meines Wissens in Kolumbien nicht – zumindest habe ich noch nie etwas davon gehört. Und ich wüsste davon, wenn es das gäbe!
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Meine Schneiderei
In meinem Laden, den Ihr hier auf den Fotos sehen könnt, hat schon mein Vater für seine Kunden genäht. Damals arbeitete er noch mit einer mechanischen Fußpedal-Nähmaschine. Das Lokal war ganz anders als heute, es gab mehrere kleine Räume. Als ich 19 Jahre alt war, starteten mein Bruder und ich hier, mit Vaters Nähmaschine. Vor fünf Jahren konnten wir das ganze Haus kaufen und ich renovierte den Laden. Dabei wurden auch Wände herausgerissen, so dass jetzt alles viel größer und heller wirkt. Inzwischen habe ich natürlich auch elektrische Nähmaschinen und bin damit gut ausgestattet. Ich habe auch eine Annahmestelle für die Reinigung von Kleidern in meinen Laden integriert, das wird hier in unserem Stadtteil rege genutzt. Mit der Kombination Schneiderei-Reinigung kann ich meinen Kunden nun einen besseren Service bieten und ich verdiene dadurch auch besser. Sogar eine Aushilfe kann ich mir jetzt leisten.
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Was ich zum Thema Reparatur denke

Im Unterschied zu früher sind heute 90% meiner Näharbeiten Reparaturen. Vor nicht allzu langer Zeit ließen sich die Leute noch Kleider nähen, weil sich das lohnte. Ein schickes Festkleid kostete 600’000 Pesos (ca. 300 Franken / 225 Euro). Heute bekommt man es für einen Viertel dieses Preises im Laden. Allerdings hat die Qualität sehr nachgelassen. Der Textilwarenmarkt wird mit chinesischer Ware überschwemmt, Kleidung wird quasi zum Wegwerfartikel. Leider! Damit will die Kleidungsindustrie die Nachfrage ankurbeln. Wie bei Elektrogeräten auch. In meinem Laden benötige ich beispielsweise ein Bügeleisen, um die Kleidungsstücke, die ich repariere nach getaner Arbeit aufzubügeln. Während meine ersten Bügeleisen locker 10 Jahre und länger hielten, geben die jetzigen Modelle schon nach einem Jahr den Geist auf. Wie die Beziehungen übrigens inzwischen auch!

DSCN9207Meine Beobachtungen zum Recycling
Hier in Kolumbien musst Du nur etwas vor die Tür stellen – sofort holt es sich jemand, der es brauchen kann. Hier vor meiner Tür sieht man auch oft kleine Transporter von privaten Recycling-Unternehmen vorbeikommen, sie holen Glas, Elektrowaren, Metalle und vieles mehr ab. Auch Privatpersonen durchstreifen die Straßen mit ihren Megafonen und weisen auf ihre Recyclingdienste hin. Das funktioniert ganz gut. Sie sammeln die Dinge und verkaufen sie weiter, das ist ein gutes Geschäft. Bezüglich gebrauchter Kleidung gibt es an der Plaza España einen Mann, der diese aufkauft. Für ein Kleidungsstück zahlt er zwischen 1.000 und 3.000 Pesos (50 Rappen bis 1.50 Franken / 40 Cent bis 1.20 Euro). Das hört sich nach wenig an, aber die Menge macht’s. Auch gibt es in der Stadt Second-Hand-Läden, in denen Schuhe, Kleidung, Taschen und Gebrauchsgegenstände aus den USA verkauft werden. Mobiltelefone werden leider viel zu schnell weggeworfen. Ich selber versuche, in meinem Laden sorgsam mit den Dingen umzugehen. Die Plastikbügel der Reinigung verwende ich wieder: meine Kundinnen und Kunden bringen sie zurück. In Kanada wird dies auch so gehandhabt, habe ich gelesen.

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Was mir an meiner Arbeit am meisten gefällt
Ich haben den Umgang mit meinen Kundinnen und Kunden sehr gern. Eigentlich hätte ich Psychologe werden wollen, habe mich dann aber doch für’s Handwerk entschieden. Hier in meinem Stadtteil kenne ich durch die Laufkundschaft viele Leute. Sie mögen mich und ich mag sie. Sie vertrauen mir, weil ich ihre Kleidung und ihre zu reinigende Stücke gut behandle. Die Wertschätzung und das Vertrauen, das man mir entgegenbringt, tun mir gut. Mit der Zeit kennt man von den Menschen ihre Geschichten und gewinnt so manchen auch lieb. Schicksale wie Krankheiten oder Tode können mir ganz schön unter die Haut gehen. Aber im Großen und Ganzen ist es erfüllend, so viel Kontakt zu anderen Menschen zu haben.

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Meine Träume für die Zukunft
Als Unternehmer muss ich hart ran: mehr Arbeit, eine höhere zeitliche Belastung. Aber dafür verdiene ich auch besser, kann mit meiner Familie in den Urlaub fahren – das ist der Vorteil. Ein Nachteil ist, dass ich keine Sozialversicherung für mein Alter habe. Darüber mache ich mir aber keine allzu großen Sorgen, denn das Grundstück, auf dem mein Laden steht, hat in den letzten Jahre einen starken Wertzuwachs erfahren. Die Stadt wächst in diese Richtung. Mein Traum ist es, auf meinem Grundstück ein Hochhaus mit vier Stockwerken zu bauen. Es soll sechs Wohnungen und zwei Lokale haben, die ich vermieten kann. Im oberen Stockwerk möchte ich meine eigene Wohnung haben. So kann ich von den Mieteinnahmen unser Alter finanzieren. Das ist natürlich noch eine Weile hin, ich bin ja noch jung. Mittelfristig möchte ich meine Arbeit weitermachen, aber das Geschäft anders aussteuern. Und in der näheren Zukunft möchte ich gern nochmal Papa werden!

DSCN9224Einen weiteren Beitrag zu Andrés‘ Arbeit findest Du hier: Vorher – Nachher: Upcycling der Lieblingsbluse

Post von der Schweizerischen Nationalbank

Geldscheine werden in verschiedenen Ländern aus Polymeren (Kunststoff) gefertigt. Sie werden dadurch langlebiger und tragen auch nicht so viele Bakterien und Viren auf sich. Darüber las ich einen Artikel in welt.de. Sofort kam mir die Idee, dass man dafür recyceltes Plastik verwenden könnte. Man würde zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: die Verbreitung von Krankheiten eindämmen und gleichzeitig Umwelt und Ressourcen schonen. Darüber schrieb ich Ende April den Beitrag:  Rochade: Plastik gegen Krankheitserreger.

Inspiriert durch einige Kommentare schrieb ich der Schweizerischen Nationalbank und fragte, ob die Verwendung von recyceltem Kunstoff für die Banknotenproduktion eine Option sei. Heute erhielt ich Post in meine Inbox, eine Antwortmail! Ich habe mich sehr gefreut, dass die Schweizerische Nationalbank auf meine Frage eingetreten und sie kompetent beantwortet hat:

An unsere Banknoten werden hohe Qualitätsanforderungen gestellt, insbesondere an Lebensdauer, Fälschungssicherheit und Umlauffähigkeit. Ein wesentliches Merkmal der Banknoten ist das Substrat. Wenn recyceltes Material verwendet wird, ist es möglich, dass unerwünschte Verunreinigungen die Umlaufqualität beeinträchtigen. Technische Lösungen in diesem Zusammenhang sind noch nicht genügend ausgereift und daher für die Produktion der Banknoten noch nicht einsetzbar.

Die Aussage, technische Lösung seien noch nicht genügend ausgereift und daher noch nicht einsetzbar, klingt doch immerhin schon danach, als würde man daran arbeiten.

Es bleibt zu hoffen, dass innovative Materialexperten bald ein neues Verfahren entwickeln. Substrat aus recyceltem Kunststoff für die Banknotenproduktion – das wäre doch was!!!

 

Rochade: Plastik gegen Krankheitserreger

Heute las ich einen Beitrag über eine groß angelegte Untersuchung von Bakterien und Krankheitserregern auf Geldscheinen auf welt.de: „Geld ist viel dreckiger als gedacht“.

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Darin stand auch, dass Geldscheine aus Polymeren für Krankheitserreger keinen so geeigneten Nährboden wie Papierscheine bieten.

Und da kam mir die Idee, den Plastikmüll dieser Welt für Geldscheine zu recyceln. Geldscheine wehen nämlich nicht in die Weltmeere und verunreinigen unsere Umwelt. Sie zersetzen sich auch nicht zu Mikroplastik, der in die Organismen von Menschen und Tieren gelangt. Denn auf das Geld passen die Menschen viel besser auf, als auf die Umwelt!