Vom Surfen zum Handeln – Direkthilfe für Bosnien

Letzte Woche, irgendwann Abends, Füße oben, beim Facebooken. Unsere ehemalige Babysitterin Tereza postet, dass einige Hilfsaktionen für die Flutopfer im Balkan angelaufen sind. Meine Gedanken schweifen zuerst zu Tereza: wie sie vor vielen Jahren als Schülerin an unserem Haus vorbei lief, morgens mit dem Schulrucksack, Nachmittags mit der Gitarre. Das süße Mädel mit den lustigen Sommersprossen im hübschen Gesicht, die ich irgendwann einmal ansprach, ob sie wohl ab und zu bei uns babysitten könnte. Und damit einen Volltreffer landete, die Jungs mochten sie sehr. Nun sind alle erwachsen, die Jungs, Tereza – mein Gott, die Zeit vergeht.

Ihr Post macht mich neugierig: Ich frage sie per Facebook, ob auch im Nachbarort (wo ich sie immer noch wohnhaft wähne) gesammelt würde. Das weiß sie nicht, schreibt aber zurück, dass sie sich schlau machen werde. Am nächsten Tag bekomme ich die Nachricht, dass woanders gesammelt würde, Kleidung, Decken, alles, was Menschen brauchen, die bei einer solchen Flutkatastrophe alles verloren haben.

Kleidung habe ich. Sie liegt in drei großen, blauen IKEA Taschen auf dem Gästebett, bereit für den Flohmarkt. Darin: Kleidung, die mir nicht mehr passt oder die ich nicht trage. Einen Großteil habe ich bereits zum Second-Hand-Shop gebracht, wo sie bis Ende Juni eine neue Besitzerin finden sollen, doch der Shop hat nicht alles genommen, nur die „stylishen“ Markenstücke (die sind ganz schön wählerisch!). Der Plan ist, diese restliche, noch sehr gut erhaltene Kleidung, am Flohmarkt unter die Leute zu bringen. Günstig abgeben – ich will keine Geschäfte damit machen, mir ist es wichtig, dass die Sachen noch weiterverwendet werden. Denn sie sind noch gut, teilweise kaum getragen.

Spontan entscheide ich, Tereza die Kleidung für die Flutopfer zu geben. Sie fragt, ob ich am nächsten Abend da sei, ich sage zu und am nächsten Abend klingelt es an der Tür. Wir schließen uns in die Arme. Sie ist weiter gefahren, als ich dachte, denn inzwischen ist sie glücklich verheiratet, mit ihrem Mann umgezogen und arbeitet als Lehrerin. Ein schönes Wiedersehen!  Wir erfahren, dass ihr Bruder den Lastwagen mit der Ladung Hilfsgüter persönlich direkt zum Heimatort ihrer Familie in Bosnien-Herzegovina bringen wird. Die Menschen dort sind in einer Turnhalle untergebracht, teilweise passt ihr restliches Hab und Gut in zwei Kartons am Fußende der Matratze. Tereza zeigt uns ein paar Fotos auf ihrem Mobiltelefon. Sie sagt, es sei ihnen wichtig, die Hilfsgüter selber dorthin zu bringen, denn bei den Hilfsorganisationen wissen man nie, ob die Hilfe dort ankomme, wo man sie hinschicken wolle. Am nächsten Tag werde sie mithelfen, die Kisten für den Lastwagen zu packen.

Wir verstauen die Sachen in ihr Auto – zu der Kleidung packe ich noch Schuhe und vor allem Decken, Handtücher und Bettwäsche. Der Wagen ist voll! Wie lange wollte ich diese Sachen schon weggeben, ich bekam einiges von meinen Eltern, als ich auszog. Mit der Zeit wurde es zu viel, vieles hatte ich drei- und vierfach. Es waren aber zu gute Dinge, um sie einfach wegzutun. Nun bin ich glücklich, dass diese Dinge noch gebraucht werden können und einen Zweck erfüllen werden. Dafür gebe ich sie gerne weg, auch wenn ich noch daran hänge.

Schnell schreibe ich noch eine Karte an die Menschen in der Turnhalle, Tereza übersetzt es auf Bosnisch und schreibt die Grüße auf den unteren Teil der Karte. Sie fährt ab und ich denke: „Da fährt ein Engel!“

Am Tag darauf bekomme ich eine Facebook-Nachricht von Tereza und ein Foto. Es zeigt ihren Bruder in der Turnhalle, in der Hand die Karte, im Hintergrund die Menschen, die alles verloren haben. Ihr Bruder sei gut angekommen und sie wolle sich nochmal bedanken. Lange schaue ich mir das Foto an. Ich kenne Terezas Bruder nicht, aber ich bin beeindruckt von dieser Aktion. Was für ein toller, junger Mann! Und dass er sogar noch daran gedacht hat, ein Foto von sich mit meiner Karte zu machen! Beeindruckt denke ich an das große Engagement der jungen Leute: Lastwagen organisieren, zu Spenden aufrufen, Kisten packen, alles einladen, die lange Strecke fahren, auspacken. Sie geben ihre Freizeit und ihr Herzblut. Danke, Tereza, danke auch an Deinen Bruder!!!

BildIch spüre, dass ich glücklich bin. Das ganze Wochenende summe und singe ich vor mir her. Wie oft werden im Facebook Bilder von hilfsbedürftigen Menschen gepostet, von schwer kranken Kindern mit Wasserköpfen, deren Bilder man liken soll oder die man – noch schlimmer – mit „Amen“ kommentieren soll. Davon wird es diesen Kindern und den hilfsbedürftigen Menschen wohl kaum besser gehen. Ich kann diesen sensationshungrigen Voyeurismus in der virtuellen Welt nicht ausstehen!

Doch diesmal hat mir Facebook geholfen und mich zur richtigen Zeit mit der richtigen Person verbunden, so dass daraus eine Handlung werden konnte. Ich fühle mich dankbar und zutiefst mit den Helfern und den Opfern verbunden. Es ist schrecklich, was passiert ist – und doch tut es gut, die Solidarität zwischen Menschen zu spüren und sogar ein Teil davon sein zu dürfen!

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6 Gedanken zu „Vom Surfen zum Handeln – Direkthilfe für Bosnien

  1. Ich googelte soeben nach Kleidersammlung Bosnien u.stieß mit dem 4.angezeigten Beitrag auf Deinen Post. Schön ♡ aber wie Du sagst, Bilder u.Posts ohne Link zu helfenden Stellen u.Organisationen bringen helfen wollenden Lesern nichts… ich sortiere soeben auch mal wieder Kleidung die ich nicht mehr tragen werde u.würde diese gerne für die Flutopfer geben. Ich kenn mich mit diesen Blogs nicht aus, sehe nicht wo Du wohnst, werde sogleich weiter googeln u.sicher fündig. Mit der Reise v.Terezas Bruder sitzt Du dennoch viell. informationsmäßig einen kl.Schritt näher an den Aktionen vor Ort als manch anderer,
    wäre schön wenn Du Kontaktmgl. und evtl. weitere Sammelaktionen ergänzen würdest… VG

  2. Danke fürs Teilen dieser schönen Geschichte! Toll, wie die sozialen Netzwerke auch zu Handlung aufrufen können – das beflügelt, wenn man es selbst erlebt!

    • Ja, das ist der richtige Ausdruck: beflügelnd! Soziale Netzwerke sind an sich neutral – wesentlich ist unser Umgang damit. Aus meiner Sicht kann nichts die Freude ersetzen, persönlich gehandelt zu haben – selbst das tollste soziale Netzwerk nicht… Wenn ich auch soziale Netzwerke sehr gerne habe und sie gerne nutze, um Kontakt zu halten, mich zu informieren, zu schreiben usw…

      • Das stimmt, umso besser aber, dass das Internet es erleichtert, den Kontakt zu so vielen Menschen an so vielen Orten zu halten, dass es dann ab und an zu solchen schönen Aktionen kommen kann! 🙂

      • Genau! In solchen Momenten bin ich froh, dass es das Internet und die sozialen Netzwerke gibt. Herzlichen Dank für Deinen Kommentar, Marlene 🙂

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