Aus der Wachstumsspirale ausbrechen

Das wunderbare Buch „Die Kultur der Reparatur“, das ich in meinem Blog zusammengefasst habe, neigt sich langsam dem Ende zu. Im letzten großen Kapitel setzt sich der Autor Wolfgang E. Heckl mit den Auswegen aus der Wachstumsspirale unserer Gesellschaft und Volkswirtschaften auseinander.

Seine These: Um aus der Wachstumsspirale auszubrechen, müssen wir aufbrechen, und zwar in die Reparaturgesellschaft.

imageVor über 25 Jahren erschien von der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Brundtland-Bericht zur nachhaltigen Entwicklung. Heckl zitiert aus diesem Bericht: „Voraussetzung für nachhaltiges Handeln ist jedoch auch soziale Gerechtigkeit, denn von Menschen, die Armut und Unterernährung ausgesetzt sind, können nicht dieselben Beiträge zu einer Zukunftsgesellschaft verlangt werden, wie vom gesättigten Westen, dessen Lebensstil angesichts der Begrenztheit der Erde sowieso nicht auf eine wachsende Erdbevölkerung übertragen werden kann. Trotzdem müssen wir Regelungsmechanismen finden, die uns umdenken helfen. Dazu gehörten Marktkräfte genauso wie moralische Aspekte, wie emotionales Marketing und, ganz wichtig, neue Technologien.“ An dieser Stelle möchte ich auf meine Ausführungen in Die großen Hebel für kleine ökologische Fußabdrücke hinweisen – und auf die weiterführenden Kommentare und Diskussion, die sich auf diese Themen hin entwickelt haben. Mich beschäftigt dieses Thema nach wie vor sehr. Ich habe – auch in Heckls Buch – immer noch keine abschließende Antwort auf die Frage gefunden, wie ein Umwelt- und Nachhaltigkeitsbewusstsein bei den Menschen entstehen kann, die sich auf der Bedürfnispyramide von Maslow ganz unten befinden.

Der Bericht ist zwar schon älter, aber vor dem Hintergrund der rasanten Entwicklung einer Konsum- und Wegwerfgesellschaft bei explodierendem Bevölkerungswachstum und gleichzeitig knapper werdenden Ressourcenlage immer noch aktuell. Der Weg zurück zu einer Kultur der Reparatur könnte eine hilfreiche Antwort auf diese Herausforderungen sein. Reparierbarkeit müsste dann zu einer Marktkraft werden und Unternehmen Wettbewerbsvorteile verschaffen. Die Kraft des Marktes bestimmen wir als Konsumenten meiner Meinung nach maßgeblich selber – denn der Markt bildet sich um unsere Nachfrage herum. Heckl schreibt weiterhin, dass ein „Design for Repair“, bei dem die Reparaturfähigkeit eines Produkts wieder wichtig wird, genauso sinnvoll wäre wie eine Preispolitik, die den wahren Wert des Produkts widerspiegeln würde (s. auch meinen Beitrag Unser tägliches Zeug gib‘ uns heute). Der Preis müsste die wahren Kosten beinhalten: den gesamten Ressourcen- und Energieverbrauch, aber auch die Reparatur- und Recyclingkosten, gerechnet auf die Lebensdauer des Produkts (zu diesem Thema lohnt sich das Video aus The story of stuff). Aus Sicht des Autors müsste dies langsam und schrittweise geschehen, denn viele Produkte würden bei so einer Preisbildung unbezahlbar. Als Beispiel wird das Steak genannt: würde man die zur Herstellung nötigen Rohstoffe wie Wasser, Mineralien, Energie und Transportkosten alle konsequent mit einberechnen, wäre der Verkaufspreis viel, viel höher.

PreisschildEin weiterer wichtiger Punkt ist die Weiterentwicklung der Technologie. „Um eines werden wir nicht herumkommen: Wir brauchen die Technologien zur Reparatur, zum Recyceln sowie zum Ausnutzen, Speichern und Verteilen der erneuerbaren Technologien.“ Wie wird es in einem halben Jahrhundert möglich sein, Flugreisen anzutreten? Das Kerosin könnte dann unerschwinglich sein. Heutige Batterien – die besten ihrer Art – sind um Faktor 100 von dem entfernt, was benötigt wurde, um ein Objekt auf der Erde von A nach B zu bringen. Dabei ist noch nicht einmal einberechnet, was es zusätzlich an Energie bräuchte, um die dritte Dimension des Fluges zu gewährleisten, nämlich die Schwerkraft zu überwinden. Neue Mobilitätslösungen und Konzepte sind gefragt!

Aber wie könnten Unternehmen, die global Ressourcen abbauen und verarbeiten zur nachhaltigen Produktion animiert werden? Da gibt es wohl viele Faktoren. Einer davon ist, dass wir als Verbraucher smarter werden. Das Wort „smart“ wird zwar inflationär verwendet, aber Heckl meint damit: „Immer häufiger ist von smarten Geräten die Rede. Telefone nennt man Smartphones, aber es gibt auch Smart Cabrios. Ich ziehe smarte Menschen jedoch smarten Produkten vor oder besser: Smarte Menschen sollten wirklich smarte Produkte herstellen und benutzen, und nicht solche, denen nur das Etikett anhaftet. Eine unüberschaubare Vielzahl von Geräten herzustellen, bei denen wir Konsumenten nicht mehr zwingend zwischen dem, was wichtig, und dem, was unwichtig ist, unterscheiden können ist keine gute Entwicklung.“

kid-smart-lightbulb-brain-600x338Wenn ich das richtig verstehe, geht es auch darum, dass wir uns als Verbraucher bei jedem Ding, das wir in die Hand nehmen, fragen: brauche ich das wirklich? Warum brauche ich es? Kann ich den Bedarf auch anders decken, beispielsweise ohne zusätzliche Ressourcen zu verbrauchen? Mit Existierendem? Aufgehübschtem, Upcyceltem? Mit Verändertem und Angepasstem? Was ich da gerade gelesen habe impliziert einen Menschen, der zwischen den „wirklich smarten“ und den „nur smart genannten“ Produkten unterscheiden kann. Einen Menschen, der informiert und interessiert ist. Der nicht nur nachhaltig denkt, sondern auch bereit ist, danach zu handeln.

Ich schätze den Prozentsatz solcher Menschen in den Wohlstandsgesellschaften als recht niedrig ein. Global gesehen erst recht. Um diesen zu steigern, muss noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden. Handlung, Aktion ist nötig, damit das Bewusstsein wächst und in Bewegung kommt. Jetzt können wir noch agieren. Wenn der Leidensdruck erst einmal so hoch ist, dass wir nur noch reagieren können, wird es vielleicht zu spät sein, das Wort „Nachhaltigkeit“ endlich bis zum Rand mit Inhalt zu füllen.

Der nächster Beitrag des letzten Kapitels: „Taste the waste“ kommt demnächst!

Dies könnte Dich auch interessieren:

Zum Buch „Die Kultur der Reparatur“ von Wolfgang M. Heckl schrieb ich bisher folgende Beiträge:
Die Kultur der Reparatur – Einführung
Arbeitsteilige Fertigung vs. Ganzheitlichkeit
Geplante Obsoleszenz – eingebaute Schwachstellen in Geräten
Die großen Hebel für kleine ökologische Fußabdrücke
Irreparables Design – muss das sein?
The world in our hands
9 Schritte zum erfolgreichen Reparieren
Der Lohn der Reparatur

 

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10 Gedanken zu „Aus der Wachstumsspirale ausbrechen

  1. Hallo Cornelia!

    Ich liebe diese Serie und habe jeden einzelnen Beitrag mit Genuss gelesen. Leider bin ich erst jetzt zu diesem gekommen. Wie Du weißt war es ein bisschen holprig bei mir. Hat sich aber gelohnt alles nachzulesen bei Dir!

    lg
    Maria

    • Halli hallo, Maria!

      Mach Dir nichts draus, ich komme derzeit fast nicht zum schreiben. Es fehlen noch 1-2 Beiträge zum Buch, bis ich fertig bin. Mir hat es auch Spass gemacht, es zusammenzufassen und mit meinen eigenen Gedanken „anzureichern“.

      Danke für Deinen netten Kommentar!

      Herzlich, Cornelia

  2. Was du unter dem Bild geschrieben hast – das ist es für mich: weniger Konsum von unnützem Zeugs. Ich bin über mich selber entsetzt, dass ich mir all‘ die Jahre habe einreden lassen, dieses und jenes zu kaufen. Das trifft wohl besonders für Küchen zu, wo es für jedes Lebensmittel ein eigenes Gerät gibt (ein bisschen übertrieben). Das meiste braucht man tatsächlich nicht. Und was man nicht hat, muss auch nicht repariert werden.

    Zum Reparieren sind mir noch zwei Dinge eingefallen:
    Zum einen ist es schwer, Ersatzteile zu bekommen. Das liegt u.a. daran, dass ständig neue, leicht veränderte Modelle auf den Markt kommen. Ich denke da an unseren Rasenmäher, für den wir ein neues Messer brauchten. Am anderen Ende von Köln haben wir es bekommen, in einem Kramladen, bei einem, der es bei einem Freund besorgt hat. Diesen Aufwand kann man nicht treiben, wenn man berufstätig ist und Kinder hat. Da wird dann eben neu gekauft und der alte Mäher kommt auf den Müll.
    Zum anderen: Unsere Kinder sollten eigentlich für das Leben lernen. Ob da Goethe, Schiller, Heine in Unmengen nützlich sind, wage ich zu bezweifeln 😉 Praktische Dinge sind als primitiv und spießig etc. verpönt und schlecht angesehen. Das passt allerdings nicht mit den momentanen Trends zusammen, wo so viele Lust am Recyceln haben.
    In meinem Alter hab eich jetzt hoffentlich die Narrenfreiheit, zu sagen: in unseren Schulen brauchten wir Gärten, Küchen, Handarbeitsunterricht 😉 und Repaircafés.
    Liebe Grüße,
    Franka
    P.S. Ich nehme an, dass auch in den Kultusministerien Lobbyarbeit dahingehend betrieben wird, den Schülern nur ja nichts Nützliches beizubringen. Kritische Konsumenten, die selbst Hand anlegen können, sind nicht erwünscht.

    • Und bezüglich Ersatzteilen: bitte lies doch mal meinen Beitrag „Nein! Ich will meinen Staubsauger nicht wegwerfen!“ – Teil I und II. Apropos Ersatzteile….. Die Menschen haben einfach nicht endlos Zeit! Was der Autor von „Die Kultur der Reparatur“ vorschlägt, geht in die richtige Richtung: ein Label / Auszeichnung von Reparierbarkeit, ähnlich dem Energieklassen-Label. Das wäre richtig gut!!!!

      • So ein Label würde ich mir auch wünschen. Aber ich befürchte, da können wir lange warten 😦

  3. Danke für den schönen Artikel! Ich fürchte, dass viele sich erst bewegen, wenn der Leidensdruck hoch genug ist, wie du schreibst. Auch Unternehmen werden erst mit besseren, nachhaltigeren Lösungen kommen, wenn es sich wirklich lohnt, Wo ich aber noch Potential sehe, sind politische Stellschrauben. Vielleicht sollte man auch da alle Kräfte mobilisieren, um Politiker von der Wichtigkeit mal über die nächste Wahlperiode hinaus zu denken zu überzeugen.

    Viele Grüße, Marlene

    • Hallo Marlene
      Das Problem bei grossen Unternehmen ist, dass sie Quartalskennzahlen und Wachstumsversprechen unterliegen – und oft auch schnell wechselndem Management. Und bei der Politik ist es die politische Agenda. Und die Wahlzyklen – Wahlkampf bestimmt allzu oft die Themen, die eigentlich über allem stehen müssten.
      Dahin müssen wir kommen – aber für diesen Zweck gibt es leider keine Lobby, die stark genug ist…
      Danke für Deinen Kommentar!
      Viele Grüsse, Cornelia

      • Hallo Cornelia,

        ein Fortschritt mit Blick auf die Industrie wäre ja auch, wenn ein Markt für Leasing von Geräten entstehen würde, nicht nur bei Autos (Carsharing & Co). Dann würde es sich plötzlich rentieren, Produkte herzustellen, die lange halten.

        Schönen Abend noch!
        Marlene

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