Kunst aus Abfall

Bei der Autovermietung in Bogotá mussten wir lange warten – Geduld muss man in Lateinamerika einfach mitbringen. Es lagen ein paar Zeitschriften bereit, mit denen ich mir ein wenig die Zeit vertreiben konnte. In einer Zeitschrift der nationalen Fluggesellschaft Avianca vom Mai 2012 fand ich einen ganz interessanten Artikel über Künstler, die mit dem Grundmaterial Abfall arbeiten. Die Autorin heisst Silvia Peñuela, der Artikel „Arte en la basura“ (Kunst im Müll). Die Kunst aus Müll fördert eine „ästhetische Wiederverwendung weggeworfenen Abfalls“. Die Bewegung nahm 1917 mit einem französischen Künstler, Marcel Duchamp, ihren Anfang. Pablo Picasso folgte ihm 1942 mit dem „Stierkopf“, den er aus einem Fahrradlenker und -sattel erschuf.

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Picasso’s Stierkopf

Die Ideen sind unerschöpflich. Eine Künstlerin, Mary Ellen Croteau, schuf beispielsweise ein beeindruckendes Selbstportrait aus Plastikdeckeln von Flaschen. Zwei Jahre brauchte sie, bis sie in diversen Mülldeponien genügend Plastikdeckel gesammelt hatte, weitere sieben Monate, bis das Selbstportrait fertig war.

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Selbstbildnis Mary Ellen Croteau

Ein anderer Künstler, dessen Bilder mich in dem Artikel gleichermassen ansprachen, Scott Gundersen, arbeitet mit Korken. Für sein erstes Korkenbild, bei dem von weitem betrachtet jeder Korken wie ein Pixel aussieht, benötigte er 3.842 Korken seiner Sammlung von 5.000 Korken, die er in drei Jahren sammelte. So viel Wein kann er gar nicht getrunken haben, denke ich! 365 Tage mal 3 = 1.095 Korken. Er muss seine Freunde gefragt haben, ob sie ihm die Korken aufbewahren. Oder zu Müllkippen oder Recycling-Höfen gegangen sein.

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„Grace“ von Scott Gundersen

Das Kunstmuseum Newport ehrte 1999 einen Künstler namens Thomas (Tom) Deininger, der für seine erste Skulptur Zigarettenstummel verwendete. Die Reste von Zigaretten sind einer der stärksten Meeresverschmutzer. Dazu der Künstler: „Ich brauchte drei Monate, um die Zigarettenstummel vom Boden aufzuheben. Es freut mich zu wissen, dass sie nun diese Form haben und nicht dort liegenbleiben, wo sie 200 Jahre benötigen, um sich aufzulösen.“

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„Shell“ – aus Zigarettenstummeln

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Selbstportrait aus Müll

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„Striking Monet“

Details des Bilds „Striking Monet“ (man achte auf die Plastikfiguren, die von weitem betrachtet als solche gar nicht auffallen!)

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Besonders angesprochen haben mich die Skulpturen einer anderen im Artikel beschriebenen Künstlerin: Sayaka Ganz. Sie benutzt wiederverwertete Küchenutensilien, die sie in Second-Hand-Läden ersteht. Die Besonderheit ihrer Skulpturen: sie scheinen fliegend, springend oder rennend die Wände zu durchbrechen. Dazu die Künstlerin: „Mein Ziel ist es, Leben zu geben. Nicht nur den Skulpturen, sondern den Objekten, die die Leute weggeworfen haben und sie damit für tot erklärt haben. Wenn ich ein Objekt mit dem anderen verbinde, hilft mir dies zu reflektieren, dass es immer einen Weg gibt, alle Teile zusammenzubringen.“

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„Emergence“

Beeindruckend fand ich auch einen kolumbianischen Künstler, der vorgestellt wird: Felipe „Pipe“ Ruiz. Er erhielt eine Spende von 21.000 Stichwaffen. „Ich erschuf daraus 40 Skulpturen, alle widmen sich dem Leben und der Liebe für die Stadt“, sagt Ruiz. Seine Werke sind aus Messern – Klapp-, Taschen- und Waffenmessern – die den Kriminellen in den Strassen von Bogotá abgenommen werden. Er formt die Waffen mit einer umweltfreundlichen Methode und nutzt sogar die Messerschäfte, um seine Kreationen zu schmücken.
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Auch Travis Pond schafft seit 1996 Skulpturen aus Altmetall. Anfangs suchte er seine Materialien  auf verlassenen Grundstücken, heutzutage ist sein Hauptsponsor Harley Davidson. Ihm ist es wichtig, dass die Menschheit sich der Umwelt bewusster wird. Deshalb versucht er, in seinen Skulpturen die Gesellschaft und Natur umzusetzen. Damit möchte er die Betrachter dazu anregen, Verantwortung zu übernehmen und sich der Unersättlichkeit bewusst zu werden, die uns dazu treibt, immer mehr und mehr Dinge zu besitzen.

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Travis Pond

An den Beispielen dieser Künstler, die mit Trash arbeiten hat mir Ihr klares Bekenntnis zu einer lebenswerten Zukunft und einen achtsameren Umgang mit den Ressourcen dieser Welt gefallen. Ich fand den Artikel gut aufgebaut und lesenswert, die beispielhaft ausgesuchten Künstler und ihre Werke spannend und ansprechend. Unter den Künstlern ist eine Bewegung entstanden, die sich intensiv mit unseren exponenziell wachsenden Müllbergen auseinandersetzt und zu einer höheren Achtsamkeit aufruft.

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4 Gedanken zu „Kunst aus Abfall

  1. Beiendruckende Werke!
    Übrigens arbeitet der deutsche Art brut-Künstler Markus Meurer (ateliermarkusmeurer.wordpress.com) auch mit weggeworfenen Dingen, sagt aber: „Müll gibt es nicht, nur Materie.“

    • Das hat was! Wenn man daran denkt, wieviel Rohstoffe aus Müll rückgewonnen werden können… Sehr viel! Öl aus Plastik, Metalle aus Elektroschrott und so weiter. Danke für den Kommentar!

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