Müllentsorgung und Recycling in der Millionenstadt Bogotá

Derzeit bin ich in Bogotá, der Hauptstadt von Kolumbien. Eigentlich heisst die Millionenstadt mit vollem Namen „Santa Fé de Bogotá“ – wörtlich übersetzt: „Heiliger Glaube von Bogotá“. In der quirligen Großstadt leben ca. 7 Millionen Menschen, zählt man die Randgebiete noch dazu, sind es bereits an die 10 Millionen. Die Stadt liegt auf einer fruchtbaren Hochebene der Anden, der „Sabana“, auf 2.640 m. Die jährliche Höchsttemperatur liegt im Mittel bei 16,0 Grad Celsius, die jährliche Tiefsttemperatur im Durchschnitt bei 7,4 Grad Celsius. Höchst selten klettert die Temperatur auf 25 Grad. Die 20 Stadtbezirke verteilen sich auf einer Fläche von rund 1.800 Quadratkilometern, damit ist die Stadt mehr als doppelt so gross wie Berlin und immerhin 300 Quadratkilometer grösser als London.

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Ich bin einiges an städtischem Chaos, Dreck und Schmutz in Millionenstädten gewöhnt, da ich in meiner Kindheit und Jugendzeit in Rio de Janeiro, São Paulo und Guatemala City lebte. Doch hier in Bogotá reibe ich mir verwundert die Augen: die Stadt ist blitzblank und Ansätze zur Mülltrennung sind erkennbar. Überall wird gefegt, geputzt, gemäht, ausgebessert – mit einem heiligen Eifer, der mich beeindruckt. Was geht hier vor sich? Meine Neugier ist geweckt und ich beginne zu recherchieren.

„Basura Cero“ (Zero Waste oder Null Müll) ist ein Programm, das im Jahr 2012 als Nachfolgeprogramm, respektive staatliches Zusatzprogramm zu diversen Recycling-Initiativen lanciert wurde. Die Prioritäten dieses Programms sind:

  • Förderung nachhaltiger Produktions- und Verpackungsmethoden sowie -materialien
  • Mülltrennung bei der Quelle (den Einwohnern) und Sensibilisierungskampagnen für Recycling
  • Aufbau einer Recycling-Infrastruktur
  • Minimierung des über das Abwasser entsorgten Unrats mit dem Ziel, die Kapazität der Kläranlagen zu erhöhen und mit dem vormals im Abwasser entsorgten Unrat Kompost oder Biogas zu produzieren
  • Strategie zur Wiederverwertung von Bauschutt
  • Programm zum Umgang mit Gefahrgut und besonderen Abfällen

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Ich recherchiere weiter und finde einige Artikel dazu. Das Programm steht erst am Anfang, bisher gibt es lediglich in einem Bezirk eine „Recycling-Müllabfuhr“. Die Bewohner werden angehalten, wiederverwertbare Abfälle in weißen Plastiksäcken (es dürfen auch Einkaufstüten verwendet werden) für diese Sondermüllabfuhr bereitzustellen. Jetzt schon gibt es in Bogotá über 15.000 „recicladores“, das sind Menschen, die den Müll trennen. Das taten sie schon lang vor Basura Cero. Viele sind noch nicht organisiert, doch gibt es bereits fest angestellte Mitarbeitende des bisher einzigen, riesigen Recycling-Hofs La Alquería. Es müssen arme, mittellose Menschen sein, denen man mit dieser Aufgabe ein Auskommen und würdevolleres Leben ermöglicht.

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Anbei ein kurzer Fernsehspot (48 Sekunden), gut gemacht – über die Recycling-Helfer.

La Alquería verarbeitet täglich 10 Tonnen „MPR’s“ = „materiales potenciales reciclables“ (potenziell wiederverwertbare Materialien). Studien gehen davon aus, dass – würden 100% des recyclebaren Materials aussortiert und eingesammelt – täglich 1.200 Tonnen verfügbar wären. Man steht also sowohl bezüglich der abgefahrenen Routen als auch der Menge des wiederverwertbaren Mülls erst am Anfang. Eine Herkules-Aufgabe für eine Stadt, die nach eigenen Angaben hinsichtlich ihrer Recycling-Kultur den europäischen Ländern um 40 bis 50 Jahre hinterherhinkt.

Der restliche Müll wird in die riesige Mülldeponie „Doña Juana“ gebracht. Die Dimensionen dieser Mülldeponie sind astronomisch: das Areal erstreckt sich über 592 Hektar, rund 6 Quadratkilometer. 8.000 Lastwagen bringen täglich 7.000 Tonnen Müll. Das sind rund 15 Prozent des nationalen Müllaufkommens.

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Mit dem Jahr 2010 begann eine umfassende Sanierung und Professionalisierung der Deponie, die heute zu den fortschrittlichsten des Kontinents gehört. Neben einer Klär- und Biogasanlage verfügt sie über eine Klärschlamm-Bearbeitungsanlage. Ein besonderes Augenmerk wird auf die Abdeckung der Deponien mit Tonerde gelegt, denn so können Mücken und die Verbreitung von Krankheiten vermieden werden. Auch hat die Mülldeponie ein Hundeheim für die ehemals im Müll grabenden, herrenlosen Hunde eingerichtet. Mehrmals pro Jahr finden die sogenannten Adoptionstage statt, bei der die Einwohner der Stadt einem „Doña Juana“-Tier ein neues Zuhause geben können.

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Mein Fazit: es bleibt noch viel zu tun und ich bin sicher, dass viel Müll auch auf illegalen Müllkippen landet, dass die Flüsse verseucht und die Umwelt geschädigt wird. Das ist in Millionenmetropolen wie Bogotá garantiert an der Tagesordnung. Aber: hier wird hart an einer nachhaltigen Müll-, Entsorgungs- und Recyclingpraxis gearbeitet, damit Santa Fé de Bogotá dem hoffnungsvollen Glauben in ihrem Namen gerecht werden kann!

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8 Gedanken zu „Müllentsorgung und Recycling in der Millionenstadt Bogotá

    • Vielen Dank für den Kommentar! Schön, dass Du den Artikel interessant fandst. Ich wünsche Dir eine gute Reise und pass gut auf Dich auf. Augen vorne und hinten im Kopf und immer gut aufpassen 😉

  1. Ich find´s auch superinteressant! Vielen Dank für die Info. Ich weiß, das San Francisco eine Zero-Waste-City ist – aber na klar, ich „reicheren“ Städten ist das bestimmt auch einfacher.

    Eine gute Zeit weiterhin in Bogota und viele positive Eindrücke wünscht anne

  2. Danke für den Artikel. 🙂

    Am Rande habe ich davon bereits mitbekommen, aber du schilderst das wirklich sehr eindrucksvoll.

    Ich finde es toll, wie diese Stadt mit ihrem Müllproblem umgeht – daran könnten sich viele andere „reichere“ Städte ein Beispiel nehmen. Auch in Deutschland wird viel gemacht – aber man merkt immer wieder, dass es noch nicht genug ist.

    • Hallo Stadtpflanze
      Herzlichen Dank für Deinen Kommentar – ist ja interessant, dass Du davon schon gehört hattest. Warst Du schon mal hier?
      Ja, es ist wirklich interessant zu sehen, dass sich hier etwas tut, wenn es auch erst die Anfänge sind. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Programm nicht Opfer kurzfristiger Wahlinteressen wird, sondern dass es weitergeführt und -ausgebaut wird!

      • Nein, ich war noch nicht selbst vor Ort. Ich weiß leider auch gar nicht mehr genau, wo ich von dem Projekt/von den Projekten gelesen oder gehört habe.

        Ich hoffe auch, dass der Effekt längerfristig ist – sowohl für die Umwelt, als auch für die Menschen

        Aber wenn es funktioniert, kann ich mir gut vorstellen, dass andere STädte sich ein Beispiel daran nehmen. 🙂

      • Wenn es Dir wieder einfällt, wo Du es gelesen hast, schickst Du mir dann den link?
        Es ist wirklich so, dass die Millionen-Metropolen in Lateinamerika alle Nachholbedarf haben. Es sollte viel mehr darüber geschrieben und kommuniziert werden, wie es Städte machen, die auf einem guten Weg sind.
        Danke für Deine Rückmeldung und viele Grüsse, Cornelia

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