Irreparables Design – muss das sein?

Design und Reparierbarkeit müssen nicht unvereinbar sein. Das beweisen ältere Geräte „made for a lifetime and made to last“. Wie übrigens auch Beziehungen, die lange halten!Fix broken thingsUnd doch stehen Design und Reparierbarkeit allzu häufig auf Kriegsfuss und schmieren das Getriebe der Wegwerfgesellschaft. In meinem heutigen Beitrag zum Buch „Die Kultur der Reparatur“ von Wolfgang E. Heckl, geht es um weitere Hindernisse auf dem Weg zu einem achtsameren Umgang mit den Dingen, die uns täglich umgeben. Beispiel elektrische Zahnbürste. Wer so ein Gerät hat, kennt die Situation: der Akku lässt sich nicht mehr aufladen. Unser reparaturerprobte Autor dachte sich: „Wunderbar, da brauche ich das Gerät einfach nur aufzuschrauben, um an den Akku zu gelangen.“ Weit gefehlt! Er hätte die Zahnbürste mit einer elektrischen Säge zersägen müssen, um an den Akku zu kommen. Ein Anruf beim Kundendienst bestätigte: man kann nur die ganze Zahnbürste umtauschen, nicht aber den Akku. Warum sich da nicht mehr Menschen wehren würden, fragte er sich: „Vor meinem geistigen Auge lief eine Demonstration ab, auf der Tausende wild mit ihren Zahnbürsten herumfuchtelnd durch die Innenstadt zogen. In Wirklichkeit haben wir uns alle schon viel zu sehr daran gewöhnt, dass die Lebenszyklen von Produkten kurz sind“, schreibt Heckl. Recht hat er! Und überhaupt… Täglich im Fernsehen sehen wir, dass Demos nur rund um die wirklich wichtigen, umwälzenden Themen geschehen – gegen diktatorische Zustände, Linksregierungen oder Fundamentalismus in der Politik, für Demokratie, Frauen- oder Homosexuellenrechte oder gegen Internet-Zensur. Zugegeben, mit einer elektrischen Zahnbürste (die ich ohnehin nicht besitze) fuchtelnd zu demonstrieren käme ich mir schon etwas lächerlich vor, aber die Bewegung gegen nicht reparierbares Design dürfte sich ruhig deutlicher manifestieren, als sie es jetzt tut!

Immerhin: es gibt Tüftler, die kriegen den Akkuwechsel hin, aber ein „benutzerfreundlicher Austausch der Akkus“ ist das nicht, zu sehen im Youtube: Tutorial zum Wechsel von Akkus.

Ähnliche Schwierigkeiten wie bei der Zahnbürste ortet Heckl auch bei Tintenstrahldruckern (oh ja!), Staubsaugern oder Autoscheinwerfern, bei denen man keine Glühbirne mehr selbst auswechseln kann. In meinem Beitrag „Nein, ich will meinen Staubsauger nicht wegwerfen“, Teil I und Teil II geht es genau um dieses Phänomen. Das Problem ist, dass die Industrie Schrauben & Co mehr und mehr verbirgt oder in grössere Gehäuse verpackt, verklebt oder veschweiβt, so dass wir kaum mehr auf die Idee kommen können, welche Funktionalität Schrauben, Klammern oder Steckmechanismen überhaupt haben könnten. Wir werden zur Passivität erzogen. Es ist, als rufe die Industrie: „Konsumenten dieser Welt, wir helfen Euch dabei, die Augen zu verschlieβen, das Ding wegzuwerfen und ein neues zu kaufen!“ Und das schlimmste an diesem Appell ist, dass wir nur allzu oft dabei mitmachen (müssen). Konnte ich meinen Staubsauger vollumfänglich instand setzen? Nein – den Fuss musste ich komplett entsorgen, obwohl nur der Kippschalter defekt war. Irreparabel. Ist es möglich, in einer elektrischen Zahnbürste nur den Akku zu ersetzen? Selten. Kann man einen Automotor eines neueren Automodells reparieren, ohne ein Fehlerauslesegerät zu haben? Nochmal nein. Herrgott, ist die Welt kompliziert geworden – und alles nur, damit wir mehr und mehr konsumieren und fortlaufend mehr Müll produzieren?

Im nächsten Beitrag gibt es einen kleinen Exkurs zu diesem Thema, bevor es zurück zu „Die Kultur der Reparatur“ geht.

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3 Gedanken zu „Irreparables Design – muss das sein?

  1. Pingback: Ohne Moralpredigt für die Umwelt sensibilisieren | wirfsnichtweg

    • Hallo liebe Maria, danke für Deine Rückmeldung! Ich fand das Buch genau deshalb so klasse, weil man unsere heutig Welt mit ihren Herausforderungen darin so wiederfinden kann. Oft habe ich beim Lesen gedacht: „Genau!!!“. Es freut mich, dass es Dich – wie mich – auch so anspricht.
      HG, Cornelia

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